""Anfangs hieß es, dass es noch Gespräche geben soll, um die Puppenbühne zu retten. Wir haben aber seither nichts mehr gehört.""
Rolf Högemann, Puppenspieler
Stuttgart - In all den Jahren ist er nicht einmal zu spät gekommen: Der Schutzengel Raphaela, der den unachtsamen Kasper ein ums andere Mal gerade noch vor dem heranbrausenden Auto von der Straße ziehen kann. Unzählige Male hat die himmlische Beschützerin ihm hinterher beigebracht, dass man nach "links, rechts, links" schauen muss, wenn man sicher über die Straße kommen will. Und genauso oft haben die kleinen Zuschauer dann zusammen das Kasperlied mitgesungen: "Autos fahren überall, da kann man nichts dran machen. Ich pass auf mich selber auf, dann wird es auch nicht krachen."
Mehr als 80.000 Kinder haben das Stück "Ein Engel für Kasper" zwischenzeitlich gesehen, das die Verkehrspuppenbühne nun schon seit zehn Jahren spielt. Auch in diesem Jahr sind die beiden Puppenspieler schon wieder von vielen Grundschulen und Kindergärten angefragt worden - zur großen Enttäuschung der Einrichtungen, die den Stuttgarter Verkehrskasper schon seit vielen Jahren engagieren, haben sie aber allesamt eine Absage erhalten. "Wir können keine Vorstellungen mehr geben, weil im Etat der Stadt kein Geld für den Verkehrskasper übrig ist", sagt Maren Haß, die Leiterin der Puppenbühne.
Finanziert worden sind die für Schulen und Kitas kostenlosen Auftritte der Puppenbühne bisher von der Stuttgarter Verkehrswacht, die ihrerseits jährlich einen städtischen Zuschuss von 65.000 Euro erhalten hat. Im Zuge der Haushaltskonsolidierung wurden davon 56000 Euro gestrichen, für die Verkehrspuppenbühne sei damit kein Geld mehr vorhanden, sagt Roswitha Wenzl, die Kinderbeauftragte der Stadt und Vorsitzende der Verkehrswacht.
Dem Kasper hören die Kinder besser zu
Für das Stuttgarter Rathaus, das laut Zielvorgabe des Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster in der kinderfreundlichsten Stadt Deutschlands stehen soll, ist der Fall damit offenbar erledigt. "Anfangs hieß es, dass es noch Gespräche geben soll, um die Puppenbühne zu retten. Wir haben aber seither nichts mehr gehört", sagt Rolf Högemann, der bisher mit Spielpartnerin Maren Haß jedes Jahr knapp 250 Vorstellungen gegeben hat. Inzwischen steht der Puppenspieler, Texter und Schauspieler kurz davor, Hartz IV beantragen zu müssen. "Durch die kurzfristige Kündigung fehlen mir jeden Monat bis zu 1500 Euro", sagt er.
An den Stuttgarter Schulen und Kindergärten werden der Verkehrskasper und sein Schutzengel seither schmerzlich vermisst. "Die Puppenbühne ist seit vielen Jahren fester Bestandteil unseres Verkehrsnachmittags für angehende Erstklässler", sagt Sabine Keck-Blöchle, Conrektorin der Fuchsrainschule in Gablenberg. Zum einen sei das Puppentheater eine nicht zu übertreffende Motivation für die Kinder, überhaupt zu dieser Veranstaltung zu kommen. "Das hören wir von den Eltern immer wieder", sagt sie. Dann sei es natürlich auch wichtig, das Thema Verkehrserziehung auf kindgerechtem Weg zu vermitteln. Zwar würden an diesem Tag auch Polizisten zeigen, wie man sich im Straßenverkehr verhält und an welchen Stellen man besonders aufpassen muss. "Dem Verkehrskasper hören die Kinder aber einfach viel besser zu. "
Aus diesem Grund war die Verkehrspuppenbühne vor fast 60 Jahren vom Stuttgarter Ordnungsamt auch gegründet worden, knapp 900.000 Kinder haben die unterschiedlichen Stücke seither gesehen. Für dieses Jahr hatte sich Rolf Högemann eigentlich eine neue Geschichte ausgedacht und auch ein Lied dazu geschrieben. Das Manuskript liegt nun zusammen mit den Handpuppen in einer Truhe und verstaubt.
Auch den beiden Puppenspielern fehlt ihre Bühne, mit der sie im Fall von Maren Haß schon seit mehr als 30 Jahren durch alle Stuttgarter Schulen und Kindergärten tingeln. "Wir haben das mit großer Freude gemacht und sind über das plötzliche Aus sehr traurig", sagt Maren Haß, die durch die städtische Radikalkur auch ihre einzige regelmäßige Einnahmequelle verloren hat. Viel mehr schmerzt sie aber ein anderer Verlust: "Dass die vielen Kinder künftig ohne Schutzengel auskommen müssen."