Ausbildungssituation Vom Versager zum Manager

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Die Firmen in der Region suchen händeringend nach Auszubildenden. Vor allem die Handwerker haben kaum mehr Nachwuchs.

Samuel Gularte macht in Altdorf  beim  Schreiner Ruzicka eine Ausbildung. Foto: factum
Samuel Gularte macht in Altdorf beim Schreiner Ruzicka eine Ausbildung.Foto: factum

Böblingen - Philipp Fink ist ein erfolgreicher Mann. Das sieht man dem 31-Jährigen auf den ersten Blick an: Er trägt Anzug und Krawatte, ist selbstbewusst und eloquent. Als sogenannter Marketing Sales Manager ist er für die Akquise, die Öffentlichkeitsarbeit und den Geschäftsbereich Businesskunden des Herrenberger Hotels Hasen verantwortlich.

Vor 15 Jahren hätte dem Herrenberger das niemand zugetraut. Er war das, was man einen „Loser“ nennt: „Ich war ein sehr schlechter Hauptschüler, habe sogar eine Ehrenrunde gedreht.“ Doch Fink hatte Glück: das Hotel Hasen gab ihm eine Chance. Er lernte zunächst Koch und arbeitete eine Weile als solcher. Dann sattelte er eine Ausbildung zum Hotelfachmann drauf, absolvierte diverse Fortbildungen – alle mit guten Noten. Wie kam es zu diesem Wandel vom lustlosen faulen Hauptschüler zum erfolgreichen Hotelfachmann? „Die Gastronomie ist genau mein Ding. Kein Tag ist wie der andere. Ich will nichts anderes machen“, sagt der 31-Jährige.

4000 offene Ausbildungsstellen in der Region

Auf der Suche nach solchen Auszubildenden, die Leidenschaft für den von ihnen gewählten Beruf mitbringen, waren gestern die Vertreter von Berufsverbänden wie Einzelhandel, Gastronomie und Südwestmetall. Die großen Unternehmen wie Daimler, Bosch und Hewlett-Packard haben zwar ihre Plätze für das Ausbildungsjahr, das im September beginnt, längst vergeben. Doch viele kleine Firmen suchen noch dringend Lehrlinge. 4000 offene Ausbildungsstellen in der Region vermeldet die Arbeitsagentur.

Die Situation hat sich innerhalb nur weniger Jahre komplett gedreht. Konnten sich früher die Firmen ihre Auszubildenden unter mehreren Bewerbern auswählen, müssen heute die meisten aktiv auf Lehrlingssuche gehen. „Wir sind auf allen Ausbildungsmessen dabei und gehen auch in die Schulen“, sagt Wolfgang Gastel, der Vorsitzende der Kreishandwerkerschaft. Der Glasermeister hat einen kleinen Betrieb in Aidlingen: „Vor zehn Jahren hatten wir den letzten Lehrling.“ Im vergangenen Jahr habe er nicht einen einzigen Bewerber gehabt – trotz mehrerer Praktikanten im Betrieb. Der Nachwuchsmangel führe dazu, dass immer mehr Glaser aufhörten, sagt Gastel. „Vor zehn Jahren gab es im Land noch mehr als 1000 Glasereien, heute sind es nur 443.“ Die meisten hätten aus Altersgründen zugemacht, weil kein Nachfolger in Sicht war. Auch Gastel, der in zehn Jahren in den Ruhestand gehen will, weiß nicht, was dann aus seinem Geschäft wird.

Nicht nur den Glasern, auch vielen anderen Handwerkern ergeht es so. „Es gibt einige Modeberufe wie Kraftfahrzeug-Mechatroniker und Schreiner, die bei den jungen Leuten noch begehrt sind. Andere wie die Bäcker und Maler suchen oft händeringend Auszubildende“, sagt Thomas Wagner, der Stellvertreter Gastels.

Der Trend geht zur längeren Schulzeit

Das größte Problem für die Betriebe sei der Umbau des Schulsystems, sagt Wagner. Diese Einschätzung teilen auch die Arbeitsagentur und die Bezirkskammer Böblinger der Industrie- und Handelskammer (IHK). „Der Trend geht zur längeren Schulzeit“, sagt Irene Ebert von der IHK. Doch dies sei nicht für alle der richtige Weg. „Immer wieder haben wir junge Leute, die hatten einen guten Schulabschluss, mit dem hätten sie einen guten Ausbildungsplatz gefunden. Stattdessen gehen sie weiter auf die Schule und merken bald: Das ist nichts. Als Schulabbrecher ist dann die Stellensuche schwierig.“

So erging es auch Marius Schulz, der aus Verlegenheit das Berufskolleg besuchte. „Das habe ich bald abgebrochen“, erzählt der 19-Jährige. Jetzt macht er eine Ausbildung zum Bau- und Landmaschinentechniker – und ist glücklich. Als Ausbildungsbotschafter gibt er seine Erfahrung an Haupt- und Realschüler weiter. Dass man auch mit einer Ausbildung Karriere machen kann, dafür ist der Hotelfachmann Philipp Fink das beste Beispiel. Auch er warb gestern um Lehrlinge: „Noten sind uns nicht so wichtig.“ Was zähle sei Leidenschaft, sagt er.

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das vielgeliebte Berufskolleg...: ...ist in vielen Fällen der Ausweg, wenn man keine Lust auf geregelte Arbeitszeiten, Zuverlässigkeit, Pünklichkeit usw. hat. Den meisten Leuten ist wohl nicht klar, daß die Bezeichnung Berufskolleg ein Schwindel ist. Mit dem Abschluss des Berufskollegs erwirbt man keine berufliche Qualifikation, da es rein schulische Angebote sind ohne abschließende Prüfung bei HWK oder IHK. Der Arbeitsmarkt für solche Absolventen ist denkbar gering. Die beste Lösung ist immer noch, wenn die Schüler innerhalb ihres vorgeschriebenen Praktikums im ersten Kollegjahr einen Firmenkontakt aufbauen und dann doch noch eine Lehre anfangen. Die meisten Kollegiaten geben als Hauptzeil die Fachhochschulreife an, allerdings meist ohne konkrete Vorstellung was sie dann studieren wollen. Das ganze kostet den Staat einen Haufen Geld für Lehrer, Schulen, Fahrkostenzuschüssen, Kindergeld mit mäßigem Erfolg. Aber es schönt die Arbeitslosenstatistik, die Kinder sind von der Straße (meist) und bessern die Pisa-Werte auf. Da sollte man mal die Effizienz ermitteln, da wäre bald Schluss mit lustig. Mir ist die Situation der Berufskollegs sowohl aus dem staatlichen Schulwesen als auch aus einer privaten Schule mit staatlicher Anerkennung vertraut.

Ansprüche der Firmen: Ist ja interessant dass in regelmäßigen Abständen diese Meldungen kommen es gäbe ein Überangebot an Ausbildungsplätzen wobei es ganz offensichtlich eben doch viele Schüler und auch junge Erwachsene gibt die trotz zig Bewerbungen keine Lehrstelle finden. Mir drängt sich eher der Verdacht auf dass die Firmen leider zunehmend die eierlegende Wollmilchsau suchen, und das dazu zum Spartarif. Zusätzlich macht es die Diskrepanz zwischen hohen Lebenserhaltungs- und vorallem Mietkosten einerseits und den mickrigen Lehrlingsgehältern andererseits für junge Erwachsene die nichtmehr bei den Eltern wohnen (beispielsweise Studienabbrecher) praktisch unmöglich eine dreijährige Ausbildung zu absolvieren. In Stuttgart reicht ein Azubigehalt doch kaum für eine Wohnung, geschweige denn noch Fahrtkosten etc.

Kann ja nicht so weh tun...: '...die hatten einen guten Schulabschluss, mit dem hätten sie einen guten Ausbildungsplatz gefunden. Stattdessen gehen sie weiter auf die Schule und merken bald: Das ist nichts. Als Schulabbrecher ist dann die Stellensuche schwierig.“ Dann kann der Bedarf ja nicht so gross sein, wenn der erreichte gute Schulabschluss so schnell nichts mehr wert sein sollte und statt dessen nur der Makel 'Schulabbrecher' vergeben wird. Mit dieser Haltung muss man sich dann nicht wundern, es als Betrieb nicht unbedingt in die Zukunft zu schaffen, wenn man schon mit der Gegenwart Probleme hat.

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