Ausstellung im Stuttgarter Haus der Geschichte Mexiko für untenrum

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Köstliche Seidenstrümpfe oder nüchterner Feinripp – was wir darunter tragen, offenbart, wer wir sein wollen, wonach wir uns sehnen. Das Haus der Geschichte zeigt Büstenhalter, Unterhosen, Bademode und Hausanzüge aus mehr als 100 Jahren.

Schiesser wirbt 1969 mit dem Slogan „Farblose Männer gibt’s schon zur Genüge! Aber Sie sind anders, modern, dynamisch. Darum passt sie zu Ihnen, die neue Wäsche von Schiesser Men-Fit Color.“ Foto: Haus der Geschichte
Schiesser wirbt 1969 mit dem Slogan „Farblose Männer gibt’s schon zur Genüge! Aber Sie sind anders, modern, dynamisch. Darum passt sie zu Ihnen, die neue Wäsche von Schiesser Men-Fit Color.“Foto: Haus der Geschichte

Stuttgart - Kleinste Berührungen reizen die Haut. Ein Lufthauch bringt die Härchen am Unterarm und im Nacken zum Stehen. Die streichelnde Hand eines anderen weckt den Körper aus dem Schlaf. Weiche Stoffe umschmeicheln uns, schmiegen sich an, streifen sich über wie ein Handschuh.

Was trägt der Mensch auf nackter Haut? Wie soll er sich zeigen? Soll er sich verhüllen, verpacken, offenbaren? In manchen Zeiten galt es als frivol, den Fußknöchel bloß zu legen. In anderen wurde der nackte Körper zum emotionslos unerotischen Zeichen innerer und äußerer Freiheit an FKK-Stränden. Heute können die richtigen Dessous so gut wie alles. Sogar die Mächte der Schwerkraft scheinbar außer Kraft setzen, in Form bringen, was sonst hängt und drückt und sich verbeult. Die amerikanische Unterhose Spanx verhindert zu viel Geschwabbel am Po, und der richtige BH ist so dick ausgepolstert, dass sich keine noch so spitze Brustwarze darunter abzeichnen kann.

Frauen mochten schon länger farbige Unterwäsche. Foto: dpa
Eine Ausstellung im Stuttgarter Haus der Geschichte wirft jetzt einen Blick auf die Entwicklung der Unterwäsche. Im Wechselspiel zwischen Zeigen und Verbergen, dem Sichtbaren und Unsichtbaren bewegt sich die Mode für darunter seit jeher. 400 Wäschestücke aus der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute sind ausgestellt.

Die Vitrinen und Gänge der Ausstellung vermitteln ein Gefühl für das Wertvolle der Wäsche in früheren Jahrzehnten. Spitzenaufsätze an Krägen, edle Morgenjacken und Hausanzüge, mit Borten und Volants verzierte Beinkleider. Keiner kaufte früher zehn bunte BHs im Billigladen, um sie nach zwei Mal Tragen wegzuwerfen. Hochwertige Unterwäsche war begehrt. Das „Fräulein Else“ fantasiert in Arthur Schnitzlers Novelle von 1924: „Dann kaufe ich mir neue Nachthemden mit Spitzen besetzt, ganz durchsichtig und köstliche Seidenstrümpfe. Man lebt nur einmal. Wozu schaut man denn so aus wie ich.“

Die Blütezeit der Textilwirtschaft

Zur Jahrhundertwende wird Unterwäsche auch im Südwesten Deutschlands zum ersten Mal in Massen hergestellt, es ist die Blütezeit der Textilwirtschaft. Auf dem Rundwirkstuhl können die Unterhemden und Strumpfhosen schnell und günstig produziert und ins Ausland verschifft werden. Ein Großteil der im Haus der Geschichte gezeigten Stücke stammt aus dem Archiv von Schiesser. Der Insolvenzverwalter entdeckte vor einigen Jahren 1000 Wäschestücke aus 135 Jahren, in Kisten und Kästen verpackt. Er sprach die Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger an: Was könnte mit den Schätzen geschehen? Schließlich wurden sie als Leihgabe ins Haus der Geschichte gebracht, vier Jahre lang katalogisiert und inventarisiert. Ein anderer Teil der ausgestellten Wäsche kommt aus den Kellern der Firma Maute Benger, die bereits 1882 in Heslach wegen der großen Nachfrage nach Wollunterhosen eine Fabrik bauen ließ und noch heute ein Geschäft an der Königstraße unterhält. Beide Firmengeschichten sind im Blickpunkt der Ausstellung.

Weshalb tragen wir eigentlich etwas darunter? Der Mensch möchte als zivilisiert gelten, schützt die empfindlichen und intimen Stellen seines Körpers. Und weil der moderne Europäer schambesetzt ist, versteckt er seine nackte Haut. Als er irgendwann ein stärkeres Bedürfnis nach Hygiene entwickelt, erfindet er etwas, das Körperausscheidungen auffangen soll. Und das kommt erst reichlich spät, gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Bunt und manchmal etwas schrill sind die Bikinis. Foto: dpa
Wer die Röcke in der Zeit davor anheben würde, fände darunter keine Unterhose. Und ist das nicht auch eine kleine Offenbarung? All die berühmten Frauen und Herrscherinnen, die wir von Gemälden kennen, Marie Antoinette, Sissi, wie sie ernst und ausstaffiert bis in die letzte Haarlocke dastehen – und unter ihren Röcken nichts. Zur schicklichen Toilette der Frau gehörte dennoch allerhand, was nicht von außen sichtbar war: Strümpfe etwa, die mit einem Band gehalten wurden, ein kniebedeckendes Beinkleid, das um die Taille gebunden wurde und im Schritt offen war, ein Korsett, ein Korsettschoner, Unterröcke, ein Anstandsrock.

Undenkbar ist es um 1900, den Frauenkörper nicht in das formende Korsett zu zwängen. Das Schönheitsideal fordert eine schlanke Taille. Das Korsett wird möglichst eng geschnürt, um einen Taillenumfang zwischen 40 und 55 Zentimetern zu erreichen. Eine andere Art, das richtige Maß zu finden, wird durch das Auflegen von Männerhänden erreicht. Ist es möglich, die Taille mit zwei Händen zu umschließen, stimmt alles mit dem Frauenkörper. Die Dame der Jahrhundertwende muss handlich sein.

Der Mensch als schlanker Sportler

Kein Wunder, dass der „Verein für die Verbesserung der Frauenkleidung“ bald auch in Stuttgart Versammlungen abhält, sich für bequeme Reformkleidung einsetzt. Man befreit sich aus der Enge. Stefan Zweig schreibt 1929: „Aus der historischen Frau von vorgestern ist innerhalb einer einzigen raschen Generation die Frau von heute geworden, mit ihrem hellen, offenen Leib, dessen Linie das leichte Kleid nur wie eine Welle klar überfließt.“

Der Mensch des beginnenden 20. Jahrhunderts ist ein schlanker Sportler, dem der Körper als Motor dient. Er ist ein kleines Rädchen in der ökonomisierten Welt des Industriezeitalters. Er schuftet in der Fabrik, und am siebten Tage erholt er seinen Körper am Badesee. Sonntags wird seine Arbeitskraft wiederhergestellt. Der Freizeitgedanke entsteht. Da passt die umständliche alte Kleidung nicht mehr. Nur was tragen? Von den 20er Jahren an häufig bereits bunte, kurz geschnittene Bademode aus Wolle oder Baumwolle, die furchtbar schlecht trocknet und an Land schlabbert.