Ausstellung in Stuttgart In den Städten wird das Leben mühsam

Von Georg Leisten 

"Urbanes Leben" lautet die Überschrift der Mitgliederausstellung des Württembergischen Kunstvereins. Auch Stuttgart 21 ist ein Thema.  

Salla Kuhmo: Mach’s dir doch selbst; Installation 2011. Foto: Württembergischer Kunstverein
Salla Kuhmo: Mach’s dir doch selbst; Installation 2011. Foto: Württembergischer Kunstverein

Stuttgart - Der Kopf auf dem Hals fehlt, aber aus dem Bauch wächst ein wahrhaft säuisches Haupt heraus. Willkommen im Schweinesystem? Das wäre eine Erklärung für Michael Hermanns stählernes Mensch-Borstenvieh-Monster im Entrée des Württembergischen Kunstvereins (WKV), dessen aktuelle Mitgliederausstellung die Frage aufwirft, was "Urbanes Leben" im 21. Jahrhundert bedeutet. Für Frank Mezgers Arbeit fällt die Antwort knapp aus: "Druck". Aber auf die gewählte Technik des Holzschnitts allein bezieht dieses Wort sich gewiss nicht.

Im Grunde weiß es jeder: Der soziale Raum der Großstadt ist eng mit dem Aufstieg des Kapitalismus verknüpft und zum Inbegriff einer ökonomischen Tretmühle geworden, im Gegensatz zur vermeintlichen Idylle der Provinz. Spätestens von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an begleitet die künstlerische Moderne diesen Prozess. Was hat sich nun getan, seit die Impressionisten das Pariser Straßentreiben in flirrende Farbflecken auflösten?

Dokumentation der Zelte von S21-Gegnern

Das WKV-Führungsteam aus Hans D. Christ und Iris Dressler erkennt in der Kunst der Gegenwart vor allem eine Sensibilität für Gegenentwürfe zu rein wirtschaftlich ausgerichteten Stadtmodellen. Insofern überrascht es nicht, dass Tanja Duszynski die Zelte von S-21-Gegnern im Schlossgarten dokumentiert oder dass Chen Wang mit überklebten Werbeprospekten dem Konsuminteresse einen symbolischen Strich durch die Rechnung macht. Vielleicht ist auch das klobige Holzhandy, das Michael Schützenberger unter die Vitrine legt, ironischer Ausdruck einer Sehnsucht nach Henry David Thoreaus Leben in den Wäldern. Von jenen Utopien kollektiven Wohnens aber, wie sie das zwanzigste Jahrhundert entworfen hat, scheinen die rund um den Kuppelsaal versammelten Positionen nichts mehr zu halten.

Am Ende ist der Makrokosmos Stadt als Konglomerat aus Oberflächenreizen der entscheidende Bildgeber für die Werke der Schau. Neonreklame und Straßenlaternen, blitzende Glasfassaden, Schilder und Poster begegnen in diversen Farbformverfremdungen oder Belichtungsspielen: Maria G. Sacchitelli pflastert die Fensterfront zum Schlossgarten mit abgefetzten Plakatrelikten, Martin Palm zelebriert nächtliche Architekturilluminationen, und auch Andreas Böhm schreibt fotografische Stenogramme städtischer Lichtbewegungen. Die funktionale Ästhetik der Metropolen hält nicht zuletzt klassisch Konstruktives aktuell. Woran kein geringerer als Design-Altmeister Karl Duschek erinnert, wenn er die heraldischen Farben der Stuttgarter Partnerstädte in strenge Konfigurationen aus kleinen Rechtecken überführt.

Trotz Schwund, man hält an der "Mitgliederausstellung" fest

Obschon das Format "Mitgliederausstellung" in der deutschen Kunstvereinslandschaft insgesamt an Beliebtheit verliert, halten Christ und Dressler bewusst daran fest. Auch diesmal wieder haben es alle Einsendungen, sofern sie zur Themenstellung passten, in die Schau geschafft. Für Christ ist das "Ausdruck der demokratischen Struktur des Vereins". Mit der Konsequenz allerdings, dass man einige Arbeiten von allenfalls mittlerer Bastelqualität in Kauf nehmen muss. Aber irgendwie gelingt es den Kuratoren doch, einen abwechslungsreichen Parcours durch den polyphonen Bilderdschungel zu bieten.

Während Peter Geisselmeier mit seiner aufgedreht telefonierenden Cartoongesellschaft treffende Genrebilder der Globalisierung malt, kommt Uwe H. Seyl schließlich auf die ökonomischen Kreisläufe zurück und kombiniert Anzeigen von Zwangsversteigerungen mit der Fotografie einer räumungsbereiten Wohnung. Der Boden besenrein, die Schränke leer, die Kartons gepackt. Im urbanen Leben ist der Mensch eben just so flexibel wie sein Besitz.

Die Ausstellung geht noch bis 11. September. Öffnungszeiten sind jeweils dienstags bis sonntags von 11 bis 18 und mittwochs bis 20 Uhr.