Ausstellungen
Wozu ist Kulturaustausch gut?
Gabriele Hoffmann,
04.05.2010 07:52 Uhr
Iosif Királys Fotocollage "Mogosoaia" gibt es im WKV zu sehen. Foto: Király
"Achtjährige Mädchen zeigen, wie routiniert sie Pistolen auseinandernehmen können."
"Territorien des In-/Humanen", der Titel der Ausstellung im Württembergischen Kunstverein, deutet an, dass die rund dreißig ehemaligen und gegenwärtigen Solitude-Stipendiaten in ihren Methoden der Recherche und der visuellen Umsetzung versucht haben, den populären Gegensatz zu meiden. Der verschlungene Parcours durch die ehemaligen Räume der Städtischen Galerie Stuttgart beginnt mit demVier-Minuten-Video "Strip" von Monika Oechsler. Mädchen von acht Jahren, Mitglieder eines englischen Schützenvereins, zeigen uns ihre Routine bei der Montage und Demontage von Pistolen, angeblich mit verbundenen Augen.
In seiner ebenso verwirrenden wie nüchtern dokumentarischen Installation von 2009/10, betitelt "The Many Moments of an M85 - Zenon's Arrow Retraced", zielt Lukas Einsele auf die geächtete und dennoch in Waffenarsenalen demokratischer Staaten lagernde Streubombe. Auf einem mit Patenten, Zeichnungen und Diagrammen gepflasterten Wandstück ziehen rote Fäden die Flugbahnen israelischer Streumunition nach: "vom Ort ihres Aufschlags zurück zu den Wurzeln ihrer Entstehung". Die nackten Männer in Artur Zmijewskis Fotoserie "Eye for an Eye", denen jeweils ein Unversehrter durch seine Pose das fehlende Gliedmaß optisch ersetzt, könnten Opfer solcher Waffen sein. Doch der Grund ihrer körperlichen Versehrtheit bleibt offen.
Skater und Liebespaare nehmen Machtzentralen ein
Wie hat sich das Ende der politischen Blöcke im Zuge der Entwicklungen des Jahres 1989 auf Architektur und Stadtentwicklung auswirkt? Im Zeichen des Gegensatzes "Human/Inhuman" geben Künstler aus dem früheren Jugoslawien, aus Rumänien und Bulgarien polyperspektivische Antworten. Mariam Ghani (New York) lässt in ihrer Drei-Kanal-Videoinstallation "Kabul 2, 3, 4", eine von 2002 bis 2004 jährlich einmal vom Auto aus gefilmte Strecke in atemraubendem Wandel erscheinen. Den Schimpasen in der Stuttgarter Wilhelma hat das Duo bankleer (Karin Käsbrock und Christoph Leitner) Plakate mit Aufschriften wie "Aufstand ist Arbeit" zur Interpretation überlassen. Iosif Király berichtet in seinen Fotocollagen "Berlin_Palast der Republik" und "Mogosoaia_Lenin and Groza" davon, wie einstige Machtzentralen von Skatern und Liebespaaren übernommen werden.
Unter den gezeigten Arbeiten zum Thema Migration bleibt ein Video von Edgar Endress, das in Zusammenarbeit mit dem Anthropologen Lori Lee entstand, besonders in Erinnerung. Es folgt der Hand einer Frau aus Haiti, die ihre Odyssee im karibischen Raum aufzeichnet, während sie von den einzelnen oft mehrmals angesteuerten Stationen berichtet.
Die Idee, Christen, Muslimen, Buddhisten und Hinduisten mit zwei Quadratmeter Bodenfläche die Verrichtung ihrer Gebetsrituale zu ermöglichen, hat Matilde Cassani mit vier präzise gearbeiteten Modulen in die Tat umgesetzt. Migranten mit weniger frommen Absichten war das Künstlerduo Korpys/Löffler mit einem "Konspirativen Wohnkonzept" auf der Spur. Die künstlerische Ausbeute ihrer "Designerrecherche", bei der sie polizeiliche Ermittlungen zu einem Banküberfall der RAF verwendet haben, besteht in der Zeichnung eines Hochhauses, kleinen Tuscheskizzen zur Einrichtung einer konspirativen Wohnung und drei buntfarbigen C-Prints von den Resten der Zerstörungsorgie am nachgebauten Modell.
Geld zählen bei der Hochzeit
Von den "Territorien des In-/Humanen" sind es nur wenige Schritte zur Ifa-Galerie in "Eine andere Welt". Das Projekt in Kooperation mit der Akademie Schloss Solitude eröffnet die neue Ausstellungsreihe "Kulturtransfer". "Wenn wir so eng miteinander und mit jedem Ort verbunden sind, warum brauchen wir in unserer globalen Welt dann überhaupt noch Kulturtransfer und -austausch?" Diese Frage hat die türkische Kuratorin Övül Durmusoglu an sieben Künstler weitergegeben.
Einen großartigen Beweis, dass Kulturtransfer nicht als abgehakt zu betrachten ist, bietet Ashley Hunt mit seinem Projekt "Eine Weltkarte, auf der wir sehen...". Der Amerikaner, der sich als "Künstler und Aktivist" bezeichnet, hat die Karte in einem Workshop mit Künstlern und Studenten auf der Basis von Diskussionen zeichnen und beschriften lassen. Angelpunkte sozialen Lebens wie "Flucht", "sozialer Tod", "Migration", "kulturelles Kapital" fungieren in Hunts Kartografie als zentrale Orte in einem komplizierten Netz von Verweisen. Für den Betrachter ein Anreiz zu eigener Weltvermessung.
Der Künstler Javier Hinojosas erfasst in fotografischen Topografien von Metropolen wie Mexiko-Stadt, Istanbul und Durban, was in aufgeräumten Städten keine Chance hat: kunstvoll aufgetürmter Müll und andere private Lowtechanordnungen im öffentlichen Raum. Die Bedeutung von Hightech für die Grenzziehungen des populären Eurovision Song Contests ergibt sich aus einem Schaubild von Dubravka Sekulic zu ihrer statistischen Untersuchung des Fernsehspektakels. Der in Berlin lebende Köken Ergun hat über Monate Hochzeiten seiner Landsleute im türkifizierten Bezirk Wedding besucht. Seine Drei-Kanal-Videoinstallation "WEDDING" lässt in der diachronen Präsentation die von den Männern dominierten Hochzeitsrituale vom Tanz bis zum Zählen der Geldscheine in den Vordergrund treten. Eine Sicht, bei der sich Nähe und Distanz die Waage halten. Wie hört sich ein hebräisches Wallfahrtslied zu einem Psalm aus dem Alten Testament an, wenn es in arabischer Übersetzung von fünf Palästinensern im Chor gesungen wird? Jumana Manna, aufgewachsen in Jerusalem, hat dem akustisch schrägen Experiment die Funktion eines Soundtracks zu einem Fünf-Kanal-Video gegeben, das die fünf Sänger bei Sprüngen vor blauem Himmel zeigt. War es das Lied, das die Palästinenser vom Boden harter Tatsachen abheben ließ?
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