Autonome Roboter Hat Myon das Zeug zum Opernstar?

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Die Lage ist so aussichtslos wie bei Eliza Doolittle in „My Fair Lady“: Der Roboter Myon soll Schauspieler werden und eine Hauptrolle übernehmen im neuen Stück „My Square Lady“. Aber er wird nicht darauf programmiert, er muss das Schauspielern selber lernen.

Bei Myon ist alles dort eingebaut, wo es auch beim Menschen hingehört: Die Kamera ist im Auge und die Mikrofone stecken in den Ohren. Das ist bei vielen humanoiden Robotern anders. In einer Bildergalerie zeigen wir bekannte intelligente autonome Roboter aus dem Kino – und einige aus dem echten Leben. Foto: Neurorobotik HU Berlin 13 Bilder
Bei Myon ist alles dort eingebaut, wo es auch beim Menschen hingehört: Die Kamera ist im Auge und die Mikrofone stecken in den Ohren. Das ist bei vielen humanoiden Robotern anders. In einer Bildergalerie zeigen wir bekannte intelligente autonome Roboter aus dem Kino – und einige aus dem echten Leben.Foto: Neurorobotik HU Berlin

Berlin/Stuttgart - Dass sich Menschen einer Maschine öffnen und ihr privateste Dinge erzählen, ist nicht erst mit Facebook aufgekommen. Das Phänomen war schon in den 60er Jahren zu beobachten, als der Informatiker Joseph Weizenbaum das Chatprogramm Eliza veröffentlichte. Eliza war einfach gestrickt und antwortete meist mit einer Gegenfrage: Wenn jemand schrieb, er sei unglücklich, erkundigte sich Eliza nach den Gründen. Viele sahen darin echtes Mitgefühl und unterhielten sich mit Eliza wie mit einem Therapeuten.

Die moderne Version von Eliza heißt Myon. Der kindsgroße Roboter, weder Junge noch Mädchen, sitzt auf einem Stuhl und fixiert mit seinem einzigen Auge das Knie einer Schauspielerin. Durch ihre Jeans ist Haut zu sehen, und Myon hat eine eingebaute Vorliebe für warme Farben. Geduldig wartet er, während sich die Schauspielerin vorstellt und ihm etwas aus ihrem Leben erzählt. Das Interesse ist jedoch vorgetäuscht, denn Myon wird sich später an nichts erinnern. Das erste Zusammentreffen mit Myon dient den Schauspielern von der aus England stammenden Truppe Gob Squad nur dem Kennenlernen.

Doch die Schauspieler haben mit dem Roboter viel vor. Myon soll die Hauptrolle in einem neuen Stück übernehmen: „My Square Lady“, aufgeführt an der Komischen Oper in Berlin. Die Idee erläutert Simon Will von Gob Squad. Von dem Chatprogramm Eliza hat er noch nichts gehört, aber er hat gleich den richtigen Verdacht: dass es nach Eliza Doolittle benannt ist, dem Mädchen aus „My Fair Lady“, dem ein Professor beibringt, wie eine vornehme Dame zu sprechen. Simon Will und seine Kollegen von Gob Squad wollen Myon beibringen, sich wie ein Opernstar zu benehmen. Bis zur Premiere sind es nur noch anderthalb Jahre.

Als Erstes lernt Myon, worauf es beim Dirigieren ankommt

Für die zweite Probe haben sie Arno Waschk eingeladen, einen der Dirigenten der Komischen Oper. Er trägt gelbe Handschuhe, damit Myon seinen Blick auf sie richtet. „Das Wichtigste ist, dass alle im Orchester wissen, dass es losgeht“, erklärt er Myon und hebt mit Schwung den Taktstock. Arno Waschk haben es die großen Momente in der Oper angetan, etwa die Schlussarie in „La Traviata“, in der Violetta stirbt. „Wenn man eine Oper beginnt“, sagt er Myon, „muss man wissen, dass man da hinwill.“ Myon schaut regungslos zu.

Vier Forscher aus dem Labor für Neurorobotik der Humboldt-Universität Berlin sind im Raum: Sie haben Myon aufgebaut, an ihre Laptops angeschlossen und so in Position gebracht, dass er nicht umfällt. Man kann sich kaum vorstellen, dass der tapsige Roboter einmal auf der Bühne schauspielern soll. Aber sah es nicht auch bei Eliza hoffnungslos aus? Und könnte ihn das Publikum nicht gerade wegen seiner Schwächen lieben? „Es ist der Anfang einer langen Reise“, sagt Simon Will.

Pläne gibt es schon: Myon soll nicht nur das Dirigieren lernen, die Schauspieler von Gob Squad wollen ihn auch zu einer Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ mitnehmen. Der Roboter wird in die Welt des Theaters eingeführt. Die Kulturstiftung des Bundes und die Schering-Stiftung fördern das Projekt; die Mittel decken die Kosten für Wartung und Transport des Roboters. Wozu Myon am Ende in der Lage sein wird und ob das eine Aufführung trägt, wissen die Schauspieler nicht. Der ungewisse Ausgang gehört zum Experiment: „Statt ein Skript zu schreiben, werden wir darauf reagieren, wie sich die Dinge entwickeln“, sagt Simon Will.

Seine Konstrukteure sehen in Myon keine Marionette

Das passt zu den Vorstellungen von Manfred Hild, dem Leiter der Forschergruppe. Auch er kann nicht sagen, was die Schauspieler erwartet, denn Myon lernt selbstständig. Er will den Roboter nicht auf bestimmte Verhaltensweisen programmieren, damit er sich wie eine Marionette verhält. Er nutzt auch keine Programme aus der Fachrichtung des maschinellen Lernens, die derzeit von vielen Fachkollegen entwickelt werden (siehe den Artikel auf der 2. Seite). Myon arbeitet vielmehr mit einfachen Prinzipien, die es ihm ermöglichen, auch mit Situationen zurechtzukommen, die kein Programmierer vorhergesehen hat. Seine Beine verfügen zum Beispiel über je drei Gelenke, deren Elektromotoren sich gegen die Schwerkraft drehen. Auch ohne zentrale Steuerung können sich die Beine dadurch selbstständig aufrichten.

Nach und nach soll Myon mit solchen Prinzipien ausgestattet werden. Ihn soll es zum Beispiel stören, wenn einer seiner Motoren überhitzt oder wenn er gestoßen wird. Wenn sich das wiederholt, wird Myon versuchen, entsprechende Situationen zu meiden. „So bekommt ein System ein Eigenleben“, sagt Manfred Hild, „und die Chance, Intelligenz zu entwickeln.“

Er will den Zuschauern einen echten autonomen Roboter vorführen. Aus Kinofilmen kennt man Roboter, die schwierige und langweilige Aufgaben übernehmen. Aber wären intelligente Maschinen wirklich daran interessiert, Wäsche zu waschen und die Wohnung zu putzen, fragt Manfred Hild. „Bei diesen Visionen lügen wir uns doch in die Tasche.“ Auch dass intelligente Roboter gefährlich werden könnten, hält er für übertrieben: „Ich hoffe, dass die Zuschauer bemerken werden, wie fragil die autonomen Systeme sind.“ Er denkt zum Beispiel daran, dem Publikum einen Einblick in das Innenleben Myons zu geben: Auf einem Monitor könnte man das Bild zeigen, das der Roboter mit seinem Kameraauge aufnimmt, und darin die Objekte umrahmen, auf die er sich gerade konzentriert.

Die Schauspieler vom Gob Squad halten sich in dieser Sache zurück. Auf die Frage einer Journalistin, wozu man Roboter benötigte, fragte Simon Will bloß zurück: „Was würden Sie sagen? Ihre Antwort ist so gut wie meine.“

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