Bewerbung um Testprojekt Stuttgart will autonomes Fahren fördern

Von Josef Schunder 

In Stuttgart sollen schon bald Autos fahren und einparken, ohne dass Fahrer eingreifen. Die Landeshauptstadt will zusammen mit Ludwigsburg ausgewählte Straßen als Testfeld anbieten. Mitte 2017 könnte es schon losgehen – wenn das Land die Bewerbung akzeptiert.

Am 2. Oktober 2015 macht sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei Denkendorf ein Bild davon, wie automatisiertes Fahren im Lkw von Mercedes-Benz funktionieren kann. Foto: dpa
Am 2. Oktober 2015 macht sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei Denkendorf ein Bild davon, wie automatisiertes Fahren im Lkw von Mercedes-Benz funktionieren kann. Foto: dpa

Stuttgart - Von Mitte 2017 an sollen in Stuttgart und Ludwigsburg jeden Tag ein bis zwei Dutzend Autos über ausgewählte Straßen rollen, mit denen autonomes Fahren ohne Eingreifen der Fahrer getestet wird. Das zumindest ist der Plan der beiden Städte. Sie wollen sich dafür bewerben, für mindestens fünf Jahre Testfelder im Straßenraum bereitstellen zu dürfen.

Damit verbinden sie ganz klar den Anspruch, dass sich die Automobilregion Stuttgart nicht von der Entwicklung im Automobilbereich abhängen lässt. Was das Land da über das Finanz- und Wirtschaftsministerium angestoßen habe, sei ein Innovationsprojekt, sagte Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) am Dienstag – „nicht dabei zu sein, wäre für uns fatal“. Das Thema autonomes Fahren habe nun mal „riesige innovationspolitische Bedeutung“. Er könnte es als OB nicht verantworten, wenn Stuttgart „dieses Thema nicht bearbeiten würde“. Immerhin, assistierte Ines Aufrecht, Leiterin der städtischen Wirtschaftsförderung, würden im Raum Stuttgart 15 Prozent des gesamten Umsatzes der deutschen Automobilindus­trie erzielt – 53 Milliarden Euro pro Jahr. Daher sei es „zwingend“, dass man sich bewerbe, ein Testfeld für vernetztes und automatisiertes Fahren aufbauen zu dürfen.

Frage der Zukunft für die Automobilindustrie

Besonders bei CDU-Fraktionschef Alexander Kotz rannte die Verwaltung damit offene Türen ein: „Das Automobil ist hier erfunden worden, dann muss die Revolution auch von hier ausgehen, wenn jetzt eine Art von Wiedererfindung des Automobils stattfindet.“ Damit hörte er sich ähnlich an wie die bisherige grün-rote Landesregierung. Die hatte das Projekt zur Förderung und zum Aufbau eines Testfelds ausgeschrieben, damit Baden-Württemberg im nationalen und internationalen Vergleich als Mobilitäts- und Automobilstandort attraktiv bleibt und neue Schlüsseltechnologien im Automobilbau anwendet.

Linke lässt kein gutes Haar am Vorhaben

Einzig die Linke tritt entschieden auf die Bremse. Christoph Ozasek machte im Gemeinderatsausschuss für Umwelt und Technik gehörig Stimmung gegen das Vorhaben. So ein Testfeld anzubieten sei nicht Aufgabe der Stadt, die Wirtschaftsförderung keine Zweigstelle von Daimler und Porsche. Kuhn springe über ein Stöckchen, das ihm die Autoindustrie hinhalte, sagte Ozasek, was Kuhn als „billigen Witz“ zurückwies.

Ozaseks Bremsmanöver wird die Sache auch nicht mehr stoppen. Am Donnerstag soll der Gemeinderat darüber abstimmen, ob sich die Landeshauptstadt mit Ludwigsburg gegen die absehbaren Konkurrentinnen Karlsruhe und Ulm bewerben soll. Die Mehrheit dafür steht zweifelsfrei. Auch die Grünen unterstützen Kuhn. Ihr Stadtrat Björn Peterhoff merkte lediglich an, auch die Nachhaltigkeit des Verkehrs müsse Testziel sein. SPD-Fraktionschef Martin Körner und der Stadtist Ralph Schertlen hätten sich sogar gewünscht, dass Stuttgart bei der Bewerbung den Ton angibt. Tatsächlich wird die Projektleitung aber bei Ludwigsburg liegen. Denn die Nachbarstadt war früher am Thema dran, und Kuhn hat kein Problem damit, dass er bei diesem Vorstoß in die Zukunft des Automobils neben dem parteilosen Ludwigsburger OB Werner Spec sitzt.

Gemeinsam will man stärker sein

Das Projekt sei das beste Beispiel für Kooperation in der Region, sagte Kuhn. Und das Konsortium, das sich für dieses Testfeld einsetzt, habe sehr um die gemeinsame Bewerbung der Städte gebeten. Das sei im Übrigen erfolgversprechender.

In Ludwigsburg sind die Vorbereitungen auch schon weit gediehen. Beide Städte sind bereit, für den Betrieb des Testfelds je 125 000 Euro auszugeben. Das Land fördert den Aufbau mit bis zu 2,5 Millionen Euro – wo immer das auch sein wird. Die Entscheidung soll beim Land im Juli fallen.

Notfalls soll ein Mensch eingreifen

Für alle, die künftig autonomen Autos begegnen könnten, ist eines zu wissen wichtig: „Keines dieser Autos wird ohne Fahrer unterwegs sein“, sagte Heinz Handtrack, der Experte der Stadt Ludwigsburg, „wenn nötig, können die Fahrer in Hundertsteln von Sekunden in das System eingreifen.“

Die Testautos sollen im Realbetrieb zur Alltagsreife geführt werden. Das heißt unter anderem zuverlässige Steuerung durch Sensor- und GPS-Technik. Ein Thema, das die Produkthersteller angeht. Forscher wollen den Austausch von Daten – zwischen den Fahrzeugen, aber auch zwischen Fahrzeugen und Technikeinrichtungen wie modernen Ampeln – entwickeln. Drittens soll die Bevölkerung die Angst vor autonomen Autos verlieren. Im Stuttgarter Rathaus hofft man auch, dass sich Impulse für die Verstetigung des Verkehrs, die Reduzierung des Feinstaubs und die Verringerung von Parksuchverkehr und Parkplatzbedarf ergeben.

Testumfeld mit allen Verkehrssituationen

Die vorgesehenen Teststraßen sind so unterschiedlich wie die Testziele und Anforderungen an die Steuerung der Autos. Die Projektverantwortlichen in Stuttgart und Ludwigsburg wollen dem Land in Ludwigsburg Teile der B 27 mit einem innerstädtischen Tunnel, einer hoch frequentierten Busstrecke und anspruchsvollen Ortsdurchfahrten vorschlagen. Verbunden ist das Ludwigsburger Testfeld mit Zuffenhausen, wo die Autos beim Kreisel am Porschewerk üben sollen. Außerdem geht es in Stuttgart um den Shared-Space-Bereich Tübinger Straße, wo sich Autos, Fußgänger, Radfahrer und Paketauslieferer mischen, und die Cannstatter Straße (B 14) zwischen Leuze und Autohaus Schwabengarage mit dynamischen Anzeigetafeln und wechselnden Tempovorschriften. Über die Autobahn von Ludwigsburg her sollen die Testautos auch nach Stuttgart-Vaihingen vorstoßen, im Bereich Universitätscampus fahren und einparken, aber auch im Gewerbegebiet Möhringen/Vaihingen. Dort gilt den Projektbetreuern die Straße Am Wallgraben als ideal, wo die neue Stadtbahnlinie mehrere Kreisverkehre durchquert.

Unterstützt wird die Bewerbung der Städte durch die Uni Stuttgart. Zudem wirken rund 30 Partner mit, darunter das Fraunhofer-Institut in Stuttgart-Vaihingen, der Verband Region Stuttgart, Bosch, Siemens, der Deutsche Kraftfahrzeug-Überwachungsverein, der Betreiber des Testfelds sein könnte, und Versicherungen.