Autorin Nora Bossong im Porträt „Was erben die Töchter?“

Ulrike Frenkel, 26.01.2013 18:17 Uhr

Frankfurt am Main - Wenn Nora Bossong von ihrem neuen Roman erzählt, und das muss sie ziemlich oft, weil sie als „Stimme ihrer Generation“ gilt, redet sie über dessen Figuren, als stünde sie direkt neben ihnen. Sie erläutert ernsthaft, was ihnen widerfährt, wie sie empfinden, warum sie so handeln, wie sie handeln. Und sie stellt Fragen, an sich, an die Welt und an ihre Zuhörer. „Ich wollte wissen“, sagte sie kürzlich in Frankfurt, wo sie einen schönen Farbtupfer zwischen grauen Anzugträgern abgegeben hat, „wie das ist, wenn jemand von oben nach unten will und nicht durchkommt.“ Eine Art Umkehrung des „Großen Gatsby“ habe ihr beim Schreiben vorgeschwebt, eine Geschichte aus der Welt der Wirtschaft, die man vielleicht nicht direkt mit der für ihre Gedichte preisgekrönten jungen Frau zusammenbringen würde. Dabei kann sie auch ganz anders.

Für „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ recherchierte sie die harten Fakten während Stipendienaufenthalten in New York und in China, außerdem hat sie sich in der Welt der Unternehmen umgesehen. „Je mehr Details ich aufsammele, desto besser kann sich meine Fantasie daran entzünden“, sagt sie. In ihrem Dreihundertseiter geht es um ein Familienunternehmen in der vierten Generation, um die Geschichte der Bundesrepublik, die Globalisierung und um eine Tochter, die ein schweres Erbe antritt. Komisch, dass manche Kritiker geschrieben haben, ihr Roman handle von Vätern und Söhnen. „Also für mich steht die Beziehung von Kurt und Luise Tietjen absolut im Vordergrund“, sagt Bossong selbst. Wie Vater und Tochter versuchen, sich einander anzunähern, obwohl sie in dem leistungsorientierten Umfeld ihrer Sippe nie gelernt haben, Gefühle zu zeigen, das hat sie interessiert. Die Geschichten über die vorhergehenden Generationen, den autoritären Firmengründer Justus, seinen windschlüpfigen Nachkommen Kurt senior und dessen schwachen Sohn Kurt junior, dienten in ihrem Buch „eher zur Grundierung für das, was zwischen den beiden abläuft“.

Der Ton ist anders als in „Buddenbrooks“

Sie habe „den Niedergang einer Familie“ in unserer Zeit schildern wollen, ein hohes Ziel, an dem sie nicht gescheitert ist. Durchaus selbstbewusst lehnt sie sich ja noch einmal an einen männlichen Kollegen an, diesmal an Thomas Mann und seine Kurzbeschreibung der „Buddenbrooks“. Ihr Ton allerdings ist ein ganz anderer als der des Lübeckers. Die gebürtige Hamburgerin, die beim Heranwachsen in Norddeutschland „das Kaufmännische im Hanseatischen sehr dominant“ fand, schreibt oft knappe Sätze, manchmal dokumentarisch, manchmal beschwörend. Kein Schwulst, nirgends. Ihre Hauptfigur Luise, eine junge Frau, die gerade an ihrer Magisterarbeit über Max Horkheimer gesessen ist, muss überstürzt in die Rolle der Chefin der Firma Tietjen & Söhne hineinwachsen, weil der Vater, Kurt, nach New York verschwindet, nachdem er den Laden gemeinsam mit seinem Schwager in die Insolvenz gefahren hat. Er will raus aus der Verantwortung und der gesellschaftlichen Sonderrolle, die ihn zeitlebens lähmte. Luise aber, das einzige Kind ihrer Eltern, ist fest entschlossen, die Fertigung von Frottierwaren, die längst im Fernen Osten stattfindet, nicht aufzugeben, und reist immer wieder über den Ozean, um zu retten, was zu retten ist.

Zu Hause in Essen verlässt sie bald nur noch nachts ihr Büro, ihre Gefühle kommen bei dieser Art Leben zu kurz, das merkt sie bald. Warum sie sich das antut? Anders als ihre Mutter, die ein Leben als reiche Gattin geführt hat, gehöre die junge Frau im Buch zu der Generation, in der sich Frauen „zum ersten Mal nicht mehr rechtfertigen müssen, wenn sie arbeiten, sondern sich eher rechtfertigen müssen, wenn sie sich zum Beispiel entscheiden, Mutter zu werden und zu Hause zu bleiben“, erklärt Nora Bossong. „Das ist ja wiederum heutzutage kaum noch akzeptiert.“