Autoshow in Detroit Wuchtigkeit im Schrumpfformat
Andreas Geldner, Detroit, 14.01.2010 18:07 Uhr
Ein VW New Compact Coupe Hybrid steht auf dem Volkswagen-Messestand im US-amerikanischen Detroit. Das Fahrzeug feiert hier bei der North American International Auto Show (NAIAS) seine Weltpremiere. Foto: dpa
Ein VW New Compact Coupe Hybrid steht auf dem Volkswagen-Messestand im US-amerikanischen Detroit. Das Fahrzeug feiert hier bei der North American International Auto Show (NAIAS) seine Weltpremiere. Foto: dpa
Detroit - Ob das die Zukunft der amerikanischen Autoindustrie ist? Fiat-Chef Sergio Marchionne, ganz lässig im Pullunder, deutet auf den Motorraum des kleinen Fiat Cinquecento, der zwischen wuchtigen Chrysler-Modellen sein Refugium gefunden hat. Michigans Gouverneurin Jennifer Granholm folgt bei ihrem Messerundgang aufmerksam dem Mann, der nun bei Chrysler die Fäden zieht. Auf seinen fragenden Blick antwortet sie mit einer skeptischen Geste.

Italienisches Flair soll den immer noch schwächsten der drei großen US-Autohersteller aus der Misere retten. Ein gewagtes Unterfangen. Am Stand gegenüber posiert ein Fotomodell vor einem Ferrari. Gleich daneben steht ein noch namenloser Chrysler, der seine Abstammung von einem italienischen Lancia nicht verleugnen kann. Vor wenigen Wochen war Chrysler noch nicht einmal sicher, ob man sich mangels neuer Modelle überhaupt groß auf der Detroiter Autoshow präsentieren sollte. Doch nun will man General Motors und Ford nicht nachstehen und ebenfalls kräftigen Optimismus verströmen.

Die diesjährige Autoshow in Detroit zeigt zumindest eines: die fast grenzenlose amerikanische Fähigkeit, unangenehme Erinnerungen schnell hinter sich zu lassen. Wo bei den US-Herstellern vor einem Jahr die Autos fast schüchtern auf den Teppichen standen, geht die Show nun weiter, als sei nichts geschehen. Die ausländischen Gäste können derweil interessiert verfolgen, wie die europäische Autophilosophie auf einmal als Maßstab der Dinge gilt. Bei Ford steht das neue Modell des auf dem deutschen Markt schon lange vertrauten Focus im Mittelpunkt.

Brot-und-Butter-Modelle im Mittelpunkt


Er soll eines der künftigen, auf einheitlichen Plattformen basierenden "Weltautos" des Konzerns werden. Bei der Präsentation der General-Motors-Marken Buick und GMC ist sogar von der "europäischen Anmutung" und von der "europäischen Leistungsfähigkeit" der neuen Modelle die Rede. Doch ein Unterschied fällt auf. Während Volkswagen, Audi, BMW und Mercedes-Benz ihre stärksten Boliden auffahren, sind die Amerikaner zurzeit noch zurückhaltender. Bei ihnen stehen die Brot-und-Butter-Modelle im Mittelpunkt, mit denen sie endlich wieder Geld verdienen wollen. Die amerikanischen Manager reden weniger von den PS-Zahlen, sondern von den Arbeitsplätzen, die sie in den USA schaffen und bewahren wollen. Ford-Chef Alan Mulally kündigte an, dass ein Werk für Elektrofahrzeuge in Michigan gebaut werde. GM-Chef Edward Whitacre beteuerte, dass auf absehbare Zeit keine weiteren Kürzungen und Werkschließungen zu erwarten seien. Auch Nancy Pelosi, die Fraktionschefin der Demokraten im Repräsentantenhaus, die auf einem ausgiebigen Rundgang die Ergebnisse der vom amerikanischen Steuerzahler gestemmten Rettungsaktion besichtigte, zeigte sich "schwer beeindruckt" und sprach von "fantastischen Aussichten". Alles soll anders und viel besser werden - das verspricht jedenfalls die nur knapp dem Abgrund entronnene US-Autoindustrie. Klein ist nun Trumpf.

Designdirektor Dave Lyon von General Motors pries beim Konzeptfahrzeug GMC Granit sogar die Tatsache, dass das Auto gegenüber den bisherigen Modellen kürzer und niedriger geworden sei. Der Minivan sieht so aus, als hätten die Designer eine Art von Bonsai-Bulligkeit züchten wollen. Wuchtigkeit im Schrumpfformat - verlangt das der amerikanische Zeitgeist?

Mehr als nur ein Modetrend


Die Deutschen versuchen diesen Zeitgeist in Detroit hingegen mit Hybrid- und Elektrofahrzeugen zu treffen. Das ist mehr als nur ein Modetrend. Kalifornien verlangt von jedem Hersteller bei Neufahrzeugen im Durchschnitt aller verkauften Autos einen bestimmten Emissionswert. Der ist aber nur zu erreichen, wenn eine gewisse Stückzahl von Elektro- und Hybridfahrzeugen dabei ist. Doch selbst diese Vehikel kommen - wie etwa das Konzeptfahrzeug Volkswagen NNC - bei den Deutschen in betont sportlicher Verpackung daher.

Spaß ist Trumpf? Mercedes-Benz präsentierte neben den Hybridautos ML 450 und S 400 zum Beatles-Song "Here comes the Sun" auch einen konventionellen Cabrio-Viersitzer für die E-Klasse, der für alle Jahreszeiten tauglich sein soll. Selbst die Nackenstützen der Vordersitze haben dafür eine Heizung bekommen. "Durch unseren innovativen Windabweiser sind auch auf dem Rücksitz die Frisuren nicht mehr gefährdet", scherzt Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der Vorstellung. BMW führte das Sportcoupé Z4 mit einem auf 340 PS aufgepeppten Motor vor. "Wir haben dieses Modell auf eine noch größere Motorstärke hin entwickelt", sagte Ian Robertson, Mitglied des BMW-Managements, auf der Messe. Aber natürlich sei das Auto auch vergleichsweise verbrauchsgünstig, schob er eilig hinterher.

Die Amerikaner präsentieren hingegen im Untergeschoss der Ausstellungshalle, wo man mit Hybrid- und Elektrofahrzeugen Probe fahren darf, eine ganze andere Form grüner - genau genommen olivfarbener - Technologie. Das in der Region Detroit beheimatete Fahrzeugforschungszentrum der US-Army stellt dort seine neuesten geländegängigen Kampfvehikel vor. "Die tapferen Männer und Frauen, die unsere Nation und ihre Freiheit verteidigen, haben Anspruch auf die fortschrittlichsten, sichersten und fähigsten Fahrzeuge", heißt es in der Hochglanzbroschüre. Auf diesem Gebiet immerhin dürften die USA weiterhin unangefochten sein.
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