Babyfüttern Es muss kein strenger Zeitplan sein

Von Birgitta vom Lehn 

Babys, die nur gestillt oder gefüttert werden, wenn sie wirklich Hunger haben, entwickeln sich später als Schulkinder geistig besser.

Mütter fühlen sich wohler, wenn sie ihr Baby zu bestimmten Zeiten stillen. Foto: ABDA/gms
Mütter fühlen sich wohler, wenn sie ihr Baby zu bestimmten Zeiten stillen. Foto: ABDA/gms

Stuttgart - Soll man ein Baby nach strengem Zeitplan füttern oder dann, wenn es sich – in der Regel lauthals – meldet? Manche sprechen gar von einem Glaubenskrieg, in dem britische Forscher jetzt mit der ersten Langzeitstudie eine Partei stützen: Nach dieser Untersuchung zeigen Babys, die nach Bedarf die Brust oder auch die Flasche bekommen, deren Mütter sich also nicht an starre Zeiten halten, in der Schule später bessere Leistungen.

Die gut 10 000 Teilnehmer der „Children of the 90s“ genannten Studie kamen alle Anfang der 90er Jahre in Bristol zur Welt. Die Mitarbeiter des Instituts für Wirtschafts- und Sozialforschung der Universität Essex schauten einerseits, wie sich die Kinder geistig und schulisch entwickelten, und andererseits, wie es um das Wohlbefinden der Mütter stand. So konnten sie analysieren, was aus den Babys geworden ist, die bereits im Alter von vier Wochen nach einem festen Zeitplan gefüttert worden waren, und dies mit den nach Bedarf gefütterten Säuglingen vergleichen. Die Kinder absolvierten Tests im Alter von fünf, sieben, elf und vierzehn Jahren sowie einen Intelligenztest mit acht Jahren.

Der Unterschied macht vier IQ-Punkte aus

Die Ergebnisse der Studie, die nun im „European Journal of Public Health“ veröffentlicht worden sind: die nach Zeitplan fütternden Mütter hatten angegeben, sich insgesamt besser zu fühlen, wenngleich sie nicht vor Depressionen geschützt waren. Für die Babys bedeutete die Zeitplanfütterung aber, dass sie in den Tests später über alle Altersklassen hinweg um 17 Prozent schlechter abschnitten als ihre nach Bedarf gefütterten Altersgenossen. Beim Intelligenztest hinkten sie im Durchschnitt vier Punkte hinterher.

Der IQ der meisten Menschen liegt zwischen 70 und 130. Vier IQ-Punkte können einiges ausmachen. Die Studienleiterin Maria Iacovou gibt ein Beispiel: Ein Zugewinn von vier IQ-Punkten würde einen Schüler in einer Klasse von 30 Kindern von Platz 15 auf den elften oder zwölften Platz heben. „Es bedeutet aber nicht, dass ein Kind statt am unteren Ende der Klasse notenmäßig ganz oben angesiedelt wäre.“

Die Forscher untersuchten auch die Kinder einer Gruppe von Frauen, die zwar versuchte, sich an einen Zeitplan zu halten, dies aber nicht schaffte. In der Regel handelte es sich bei diesen Müttern um Frauen mit niedrigerer Schulbildung, die ihren Kindern auch weniger vorlasen. Die schulischen Ergebnisse waren trotzdem besser als bei den Kindern, die als Baby nach Zeitplan gefüttert wurden. „Es kommt also wirklich auf die Art der Fütterung an, nicht auf den Typus Mutter“, sagt Iacovou. Dennoch warnt sie vor voreiligen Schlüssen: „Das ist die erste Studie dieser Art. Wir brauchen dringend weitere Forschungsarbeiten, bevor wir sagen können: Bedarfsfütterung wirkt sich positiv auf Intelligenz und akademische Leistungen aus.“