Backnang Waldleben ist schöner als Schule

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Abenteuerurlaub vor der Haustüre: ein paar Kinder leben eine Woche lang tagsüber im Plattenwald. „Stadtfüchse“ ist eine Ferienaktion der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und der Wildnisschule Wildwissen.

Schnitzen ist besser als büffeln. Foto: Gottfried Stoppel
Schnitzen ist besser als büffeln. Foto: Gottfried Stoppel

Backnang - Wie lange der Bau des tollen Lagers mitten im Plattenwald bei Backnang gedauert hat? „Höchstens eine Viertelstunde“, sagt der achtjährige Bastian und schnitzt unbeirrt weiter an seinem Stecken für die Grillwurst. Alle Achtung, ein mit vielen Ästen und Zweigen umzäuntes Refugium in nur 15 Minuten angelegt. Matthias Kitzmann legt die Stirn in Falten und antwortet: „Bastian, überleg mal, wir haben am ersten Tag morgens ­angefangen und waren doch erst nachmittags fertig.“ Stimmt. Bastian nickt – und schnitzt weiter.

Wenn das Zeitgefühl verloren geht, wenn einem Stunden wie ein paar Minuten vorkommen, dann ist das meistens ein gutes Zeichen. Langeweile haben die Stadtfüchse ganz offenkundig nicht. Die Buben und Mädchen nehmen teil an dem gleichnamigen Ferienprogramm des Kreisverbands der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). Der Förster und Wildnispädagoge Kitzmann nimmt die Kinder morgens auf einem Parkplatz in Empfang, dann sind die Buben und Mädchen eine Woche lang täglich gut acht Stunden im Wald. Ganz schön anstrengend sei das, sagt Bastian, „aber schön“. Am Abend zuvor sei er hundemüde gewesen und ganz schnell eingepennt, erzählt der Dreikäsehoch. „Mir geht’s wie meinem Vater, der arbeitet jeden Tag von morgens bis abends auf dem Bau und ist auch oft abends müde.“

Schleichen wie die Buschmänner

Jeden Morgen schleichen die Kinder durch den Forst, „wie die Buschmänner“, sagt Kitzmann. Sie balancieren auf umgefallenen Baumstämmen und versuchen, so wenig Geräusche wie möglich zu machen. Mitunter verstecken sich die Stadtfüchse, dabei entdecken sie immer wieder Tiere. „Auf ein Tier, das ihr seht, kommen mindestens noch mal zehn Tiere ganz in der Nähe“, erklärt der Fachmann von der Wildnisschule Wildwissen aus Brandenburg, die mit der SDW kooperiert.

Das errichtete Lager ist die Ausgangsstation für Erkundungstouren im Wald. Hier, sagt Jan, „fühle ich mich geschützt“. Feuer machen dürfen die Kinder allerdings nicht im Lager, das haben sie längst intus. Im Plattenwald ist das nur auf dem Abenteuerspielplatz erlaubt, wo Jan, Bastian und die anderen gelernt haben, mit nur einem einzigen Streichholz ein Feuer zu entfachen – für die Grillwürste und um sich ab und zu ein bisschen aufzuwärmen.

Der pensionierte Leiter des Forstamts in Backnang, Eckard Hink, ist stellvertretender SDW-Vorsitzender. Er macht an diesem Vormittag eine Stippvisite und ist ganz begeistert von den Stadtfüchsen. Viele Kinder, sagt er, seien „von der Natur entfremdet“. Manche hätten Angst im Wald. Befragungen hätten ergeben, dass 75 bis 80 Prozent der Kinder noch nie im Wald gewesen seien. Auch viele Eltern hätten keinerlei Bezug zur Natur. Die Schutzgemeinschaft will gegensteuern. „Aber die Konkurrenz ist groß: Computer, Fernsehen, Handys.“ Die sieben- bis elfjährigen Stadtfüchse dürfen während der Waldaktion ihre Mobiltelefone nicht mitbringen. Das klappt, sagt Kitzmann. Und die Kinder vermissen ihre Handys offenbar nicht. „Sie gewinnen völlig neue Eindrücke“, sagt Hink – und die Kinder schnitzen weiter an ihren Stöckchen.

Füchse, Eichhörnchen, Tausendfüßler und Dachse

Paul sagt, er freue sich, dass eben endlich mal wieder die Sonne herausgekommen sei. Die Strahlen bringen ein bisschen Wärme. Raphael blättert in zwei Bestimmungsbüchern und findet heraus, dass die Federn, die er aufgesammelt hat, von einer Kohlmeise stammen. „Von einer brutalen“, sagt Sephira, von einer besonders großen, erklärt sie auf Nachfrage. Und die Federn einer Blaumeise, ergänzt Raphael, seien abgebissen worden – der Vogel müsse gefressen worden sein, vermutlich von einem Marder. Nicolai sagt, dass er sich jeden Tag darauf freue, dass er in den Wald darf. „Es ist toll hier“, wirft Sephira ein, „vor allem, wenn wir einen Hirsch sehen.“ Und Füchse, Eichhörnchen, Tausendfüßler, Dachse, so die anderen Kinder.

Später wollen die Stadtfüchse aus abgesägten Stücken eines Holzstamms mit Hilfe von Glut Schalen brennen. „Da musst du ganz sanft und ganz lange pusten“, erklärt Bastian, nur dann brenne die Glut eine Kuhle in das Holz. Um die Mittagszeit brechen die Kinder wieder auf. Vor ein paar Tagen haben sie im Waldboden ein mit vielen Stämmen abgedecktes Loch entdeckt. Mit Hilfe dieser Äste will die Rasselbande jetzt eine größere Laubhütte bauen. Matthias Kitzmann nennt diesen Unterschlupf einen Waldschlafsack. In so einer Hütte sei es möglich, auch bei Regen geschützt zu übernachten. Nicolai sagt, er würde gerne noch viel länger im Wald leben, im Wald sei es nämlich viel schöner als in der Schule, die am Montag wieder beginnt. „Ich könnte noch 100 Wochen bleiben.“