Bad Herrenalb Bädertraum mit falschen 512 Millionen Euro

Von Stefan Jehle 

Plump gefälschte Kontoauszüge über mehr als 512 Millionen Euro eines angeblichen Investors dienten in Bad Herrenalb der Stadt und dem Gemeinderat offenbar als Grundlage für ein gescheitertes Wellness- und Hotelprojekt.

Nur ein Traum von Lokalpolitikern: die futuristische Bäderlandschaft im verarmten Bad Herrenalb. Foto: StZ
Nur ein Traum von Lokalpolitikern: die futuristische Bäderlandschaft im verarmten Bad Herrenalb.Foto: StZ

Bad Herrenalb - Bei dem Betrag dürfte so mancher Normalbürger erst mal schlucken. 512 Millionen Euro stehen auf dem Kontobeleg der Schweizer Privatbank Sarasin, ausgestellt am 11. Februar 2013. Von dem Auszug tauchte jetzt eine Kopie in Bad Herrenalb (Kreis Calw) auf. Exakt derselbe Liquiditätsnachweis über die halbe Milliarde Euro war offenbar auch die Basis für die gigantischen Bäderpläne in der Kurstadt, die sogar einen Bürgerentscheid im Dezember passierten. Bei der Kommunalwahl aber hatten der gescheiterte Bädertraum zu einem politischen Nachbeben geführt, in dessen Folge zwei Drittel der Gemeinderäte ihre Ämter verloren.

512 267 009,78 Euro – der Betrag auf dem Papier ist einer RJS Holding AG Limited, mit Sitz in Birmingham, zugeordnet. Der mit Wertpapieren handelnde Inhaber ist deutscher Staatsbürger und angeblich jener Investor, der bereit war, im beschaulichen Bad Herrenalb rund 160 Millionen Euro für eine Wellness- und Hotelanlagen springen zu lassen.

Anfang April war durchgesickert, was sich viele Insider schon vorher gedacht hatten: dass der mehrfach als ominös beschriebene Investor „nie ein Interesse an dem Projekt gehabt habe“, wie es in einem nichtöffentlich bekannt gemachten Brief an den Gemeinderat hieß. Die beiden Projektentwickler aus dem Raum Böblingen, die das Objekt bewarben, sind seither abgetaucht. Erst kurz vor der Kommunalwahl am 25. Mai wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Tübingen im August 2013 ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs eingeleitet hat.

Der Millionenbeleg – eine „plumpe Fälschung“

Seit April hatte es in lokalen Medien zudem über Wochen hinweg gegenseitig heftige Vorwürfe rund um das gescheiterte Bäderprojekt gegeben. Mehrere Stadträte hatten sich auf den Rathauschef eingeschossen.

Mit Bescheid vom 12. Mai hatte die Staatsanwaltschaft sich jenen Kontoauszug der Schweizer Privatbank Sarasin zur Brust genommen. Dieser hatte in Tübingen nur Kopfschütteln ausgelöst: „Der vorgelegte Kontoauszug ist nach dem Erscheinungsbild soweit von einem Originalbankauszug entfernt, dass eine Urkundenstraftat durch Vorlage der Kopie nicht Betracht kommt“, teilte ein Sprecher der Behörde mit. Auf gut deutsch: jeder halbwegs intelligente Verwaltungsangestellte, erst recht aber jeder einigermaßen sorgsam Handelnde hätte von selbst erkennen können, dass es sich um eine plumpe Fälschung handelt.

Herrenalbs parteiloser Bürgermeister Norbert Mai hatte bereits vor Monaten bestätigt, dass „ein Bankkontoauszug“ der einzige Bonitätsnachweis sei, der über die Liquidität der vermeintlichen Investorengruppe Auskunft geben könne. Mai kam das gigantische Projekt offenbar wie gerufen für die hoch verschuldete Stadt. Auch in der Nachbarschaft weckte die vermeintliche Großtherme Erwartungen.

Was hat die Blamage die Stadt gekostet?

Klaus Mack, CDU-Bürgermeister in Bad Wildbad und Vorsitzender des Touristischen Aktionsbündnis Nordschwarzwald versprach sich eine erhöhte Attraktivität der gesamten Region. Auch Helmut Riegger (CDU) Landrat von Calw, hatte sich zeitweilig für das Projekt verwandt. Wohl in der Annahme, die Therme wandere in einer seiner Kreisgemeinden.

In Bad Herrenalb hatten hingegen aufgebrachte Bürger in lokalen Internetforen erfolglos eine Bürgerversammlung oder einen runden Tisch verlangt, um die Affäre aufzuklären. Moniert wurde, dass bis heute nicht offengelegt wird, welche Kosten der Stadt weithin beachtete Blamage entstanden sind. Allein der Bürgerentscheid vom 1. Dezember dürfte nach Schätzungen mehrere zehntausend Euro gekostet haben.

Eine Konsequenz haben die Bürger aber schon gezogen. Bei der Kommunalwahl am 25. Mai blieb in Bad Herrenalb kein Stein auf dem anderen. Acht von 14 Räten wurden abgewählt, darunter auch die Fraktionschefs der beiden größten Listen, der „Unabhängigen Bürgervereinigung“ und der „Freien Wähler“. Nur das neu gegründete „Bürgerforum Herrenalb“ profitierte bei den Wahlen und stellt künftig drei Gemeinderäte. Alle Neugewählten waren einst Vertreter jener Bürgerinitiative, die mit aller Macht gegen das hochfliegende Thermalbadprojekt vorgegangen war.

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4 Kommentare Kommentar schreiben

Wie wäre es mit Details?: Die Staatsanwaltschaft hat seit August 2013 ermittelt und kommt im Mai 2014 zu dem Schluss, dass der über ein Jahr zuvor vorgelegte Kontoauszug dermaßen schlecht gefälscht sei, dass man noch nicht einmal von Urkundenfälschung sprechen könne? Haben sie aber lange gebraucht, bis das im Artikel zitierte Kopfschütteln ausgelöst wurde... Es wäre jetzt natürlich interessant zu wissen, was der Investor mit dieser Farce bezweckt hatte. Vorab Geld eingesammelt hat er ja wohl nicht. Wozu also das Ganze? Wäre sicherlich Aufgabe für einen Journalisten, da mal nachzuhaken...

Sehr schön...: ... daß jeder, aber wirklich jeder Betrug irgendwann einmal auffliegt. Man muß nur Geduld haben und hartnäckig an der Sache dranbleiben. In Sachen größter wissenschaftlich-technischer Betrugsfall der deutschen Industriegeschichte (Stuttgart 21) geht es allerdings nicht "nur" um einen Millionen-, sondern um einen Milliardenbetrug, der nicht nur von der Wirtschaft, sondern auch von der Politik, den Medien und der Justiz unterstützt und verdeckt wird. Irgendein Tropfen wird das Fass zum überlaufen bringen. Ich freue mich schon heute darauf...

Darf dieser Bürgermeister weiter im Rathaus bleiben???: Darf dieser Bürgermeister weiter im Rathaus bleiben??? Trotz aller Warnungen aus der Bevölkerung seit 22.07.2013! ein Tag nach der öffentlichen Vorstellung des Projekts. Machte unserer Bürgermeister (ehemaliger Kämmerer!) und Gemeinderäte weiter. Auch trotz Besuch des LKA im August! Wir wollen wissen "WIEVIEL" hat uns das "PROJEKT SCHWEIZER WIESE" bis heute gekostet, nicht NUR Bürgerentscheid. Wir erlauben uns hier, zu den von BM preisgegebenen Kosten von 40.000 für Bürgerentscheid, auch die andere Kosten vorzurechnen und hoffen, auf eine korrekte Antwort von Bürgermeister Mai.(1.) Die Kosten für Rechtsanwalt um das Bürgerbegehren zu beurteilen. Die entstehenden Kosten schätzte damals Herr Rappold auf 60 000 Euro. (2.) BM Mai gab eine Broschüre für alle Haushalte heraus, um darzulegen, welche Folgen ein "Nein" zum geplanten Bade- und Wellnesskomplex habe. (3.) Um Fragen zu dem geplanten Projekt zeitnah fachlich kompetent beantworten zu können, beauftragte die Stadt einen Projektbegleiter Holger Siegmund-Schultze.Geschäftsführender Gesellschafter der Lichy Siegmund-Schultze Asset Management GmbH, Karlsruhe. (4.) Veranstaltung für Jungwähler am 22. November. Zunächst wolle man über das Wahlrecht informieren und danach das Millionen-Projekt durch den Planer vorstellen. Kosten der Anmietung und Durchführung der Veranstaltung, sowie auch eine extra für Senioren. (5.) Die Kosten für die Veranstaltungen der Investoren 15., 22. und 29. November, jeweils von 15 bis 19 Uhr. (6.) Ankauf der an der Schweizer Wiese angrenzenden Grundstücke, obwohl die Stadtkasse leer war! (7.) Ausgaben für Werbeplakate und Werbematerial. WIR VERLANGEN EINE BÜRGERVERSAMMLUNG!

Koste es den Steuerzahler was es wolle: Wenn Politiker Großes bauen wollen, sind Investoren-Darsteller hoch willkommen. Hauptsache es wird gebaut, auch wenn die Kosten hinterher beim Bürger landen. Das konnte z.B. auf dem Pragsattel in Stuttgart noch verhindert werden, als vermeintlich der reiche Onkel Donald aus Amerika dort in ein Wolkenkratzer investieren wollte und die eigene Ratsfraktion den amtierenden Oberbürgermeister stoppte. Zuvor wurde alle Hinweise auf die fragile Finanzierung des Vorhabens beiseite gewischt. Sie störten die Visionen. Hautsache es wird gebaut, koste es den Steuerzahler was es wolle.

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