Bahnexperte über Stuttgart 21 „Bahn hat sich selbst einen Baustopp verordnet“

Wolfgang Schulz-Braunschmidt, 20.12.2012 12:11 Uhr

Stuttgart - Der BUND-Landesverband fordert einen Baustopp für das „chaotisch geplante“ Projekt Stuttgart  21. Der davon betroffene Stuttgarter Hauptbahnhof sei schon vor Beginn der eigentlichen Bauarbeiten eine Verspätungsfalle für den Schienenverkehr im ganzen Land, erklärte die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender am Mittwoch im Gespräch mit Journalisten. „Deshalb ist die Zeit für parteipolitisch motiviertes Geplänkel endgültig vorbei.“ Es sei vielmehr höchste Eisenbahn, um sich über ein Ausstiegsszenario und eine vernünftige Alternative zum teuren Tiefbahnhof zu unterhalten. In diesem Sinne habe sie auch an Ministerpräsident Winfried Kretschmann geschrieben. Die Antwort stehe aber noch aus.

Die BUND-Landesvorsitzende ist sich sicher, das noch mindestens ein Jahr vergeht und somit weitere Kostensteigerungen auflaufen, bis die Bahn beginnen könnte, den Trog für den Tiefbahnhof zu bauen. Das Thema Brandschutz müsse überarbeitet werden, was wohl zu Verzögerungen und Änderungen führe. Und das Begehren des Konzerns, doppelt so viel Grundwasser wie bisher abpumpen zu dürfen, „dürfte wegen der vielen Einwände der Sargnagel für Stuttgart 21 sein“, betonte Dahlbender.

Querelen über den Querbahnsteig

Der Bahnexperte Gerhard Schnaitmann nannte weitere Belege für das auch nach seiner Ansicht chaotische Projektmanagement. „Die Bahn blockiert sich selbst, weil die Gleise 8 und 10 auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof teilweise oder ganz gesperrt sind.“ Wegen fehlender Ausweichgleise könnten deshalb die noch in der Bahnhofshalle stehenden Prellböcke am Querbahnsteig nicht abgebaut werden, um sie weiter nach vorn an die angebauten Bahnsteige zu verlegen. „Das bedeutet, dass das Baufeld für den Trog des unterirdischen Tiefbahnhofs nicht frei gemacht werden kann. Die Bahn hat sich selbst einen Baustopp verordnet“, sagte Schnaitmann.

Nach Ansicht der Bahn ist die Aussage, der Querbahnsteig könne erst verlegt werden, wenn die Weiche an Gleis 10 frei sei, allerdings „falsch“. Das Kommunikationsbüro räumt aber ein, dass die Sperrung „indirekt Einfluss“ auf die Verlegung hat. Wegen der verminderten Kapazität könnten die für den Umbau notwendigen Gleissperrungen nicht wie geplant realisiert werden. Die Bauarbeiten fänden aber wie vorgesehen im ersten Halbjahr 2013 statt. Die Bauzeit könne sich aber um mehrere Wochen verlängern. Der Witterungsschutz am bestehenden Querbahnsteig werde noch in dieser Woche angebracht. Damit sei dieser vor Beginn des Weihnachtsreiseverkehrs wieder wetterfest.

„Beschädigter Bahnhof ist überlastet“

Für den anerkannten Experten Schnaitmann bleibt Stuttgart 21 aber „ein den ­Niederungen des Planungsrechts und der Physik“ entrücktes Projekt. Ansonsten sei nicht zu erklären, wie man im Stuttgarter Kessel mit dem Bau beginnen wolle, obwohl man auf den Fildern noch nicht einmal wisse, „was man bauen will und was man genehmigt bekommt“.

Laut Schnaitmann haben die Gleissperrungen auf dem Hauptbahnhof längst auch den S-Bahn-Verkehr aus der Spur gebracht, weil mehr Regionalzüge sich Strecken mit S-Bahnen teilen müssten. Das führe zu Ausfällen und zu einer hohen Unpünktlichkeitsquote. „Solange die Gleise gesperrt sind, wird sich daran nichts ändern“, so Schnaitmann. Der von der Bahn beschädigte Hauptbahnhof sei überlastet.