Bahnprojekt Stuttgart 21 Moralkeule kommt zum Schluss
Amber Sayah, 03.02.2011 07:38 Uhr
 Foto: Quelle: dpa
Foto: Quelle: dpa
Frankfurt - Man muss Christoph Ingenhoven einfach dafür bewundern, mit welchem Charme, welcher Eloquenz, welch lässigem Witz, welch rhetorischem Geschick er für seine Projekte zu werben versteht. Im Deutschen Architekturmuseum (DAM), wo der Düsseldorfer Architekt am Dienstag im Begleitprogramm zur aktuellen Bonatz-Ausstellung über seinen Stuttgart-21-Bahnhof sprach, erntete er viel Applaus und die verdatterte Frage aus dem Publikum, wieso die Stuttgarter gegen dieses Projekt eigentlich Sturm liefen.

Ja, warum nur? Sieht man die Bilder seiner schneeweißen, lichtdurchfluteten, organisch geformten Bahnsteighalle im Kontrast zu Aufnahmen des alten, grauen, heruntergekommenen, "vollständig geschändeten" Bonatz-Gebäudes, wie Ingenhoven zu Recht bemerkte, versteht man den Protest gegen diese schöne neue Welt des Durchgangsbahnhofs kein bisschen. "Die Liebe zu diesem Bauwerk muss neueren Datums sein", meint er ironisch zu Fotos, welche die Lieblosigkeit im Umgang mit dem Bahnhof zeigen. Dass es vor allem sein eigener Auftraggeber, die Deutsche Bahn AG, ist, die den Bau so hat verkommen lassen, sagt er nicht, aber die Lacher hat er auf seiner Seite.

Und dann der Vergleich mit Hans Döllgasts Wiederaufbau der Alten Pinakothek in München. "Selbstbewusst und demütig" habe dieser Klenzes Museum nach den Kriegszerstörungen wiederhergestellt. Was das mit dem Stuttgarter Bahnhof zu tun hat, wo zunächst einmal ein intaktes Kulturdenkmal zerstört wird, bleibt unklar, aber Ingenhoven hat sich wie beiläufig in eine Reihe mit einem hochgelobten Klassiker gestellt.

Ingenhoven will einen modernen Bau für den Bahnhof


Die Moralkeule folgt zum Schluss: die Monumentalität des Stuttgarter Bahnhofs zeige, obwohl schon lange vor 1933 geplant, "welch Geistes Kind dieser Architekt ist". Bonatz' Art des "Wegrückens vom menschlichen Maßstab, von der Stadt" mache deutlich, dass dieser "schon damals zu den Ewiggestrigen zählte". Er, Christoph Ingenhoven, wolle den Bau daher durch seine Einbindung "in ein modernes, sich anderen Zielen verpflichtet fühlendes Ensemble neu interpretieren".

Lässt man große Vorbilder wie Döllgast und Ingenhovens tadellose Gesinnung einmal beiseite und schaut auf Bauten wie die Hamburger Messe, wo Ingenhoven ein historisches Gebäude brachial in die Struktur der Hallen integriert hat, oder auf sein Kaufhaus, das als unbeholfener Fremdkörper in der Lübecker Altstadt steht, können Zweifel an seiner Sensibilität im Umgang mit Denkmalen aufkommen.

Von diesem Mangel an Gewandtheit zeugen letztlich auch die für Stuttgart geplanten Bauten: Mögen sie aus Sicht der Bahnreisenden auch ansehnlich sein, der Stadtraum wird durch den ausdruckslosen Funktionalismus der gläsernen Gitterschalen, die künftig als Eingangsbauwerke dienen sollen, geradezu pulverisiert. Manche der Ansichten, die Ingenhoven im DAM präsentierte, sehen aus, als hätte die Stadt Blähungen. Dass der alte Bahnhof oder das, was von ihm übrig bleiben wird, eine Zukunft als nutzlose Hülle vor sich hat, ist da fast schon zu verschmerzen. Zu betrachten war in Frankfurt, dass das beste Ethos nicht vor architektonischem Mittelmaß schützt.
Kommentare (203)
Anzeigen
FEB
10
DonCarlos, 17:12 Uhr

Wenn Interesse bestünde an einer ehrlichen Auseinandersetzung,

dann hätte die Bahn AG einmal eine Lichtsimulation vorgelegt und ihren Stresstest zu Projektbeginn. Ostermann: „Der Kreis schließt sich, denn es handelt sich eben um die Snapshots aus dem schon erwähnten Fraunhofer Echtzeit-VR Modell, und um keine Licht-Simulation.“ Nochmals für Laien: ein Snapshot aus einem VR-Modell, ist ein deutlich besser gerendertes Einzelbild als die Bilder für die laufende Simulation mit 30 Bildern pro Sekunde. Da man aber Licht im Modell benötigt, um überhaupt etwas zu sehen, ist eine solche 3D-Darstellung auch gleichzeitig eine Licht-Simulation. http://www.magazin-world-architects.com/de_08_25_onlinemagazin_s21_de.html Sehr schön zu sehen sind im ersten Bild die Schatten hintern den Buckeln oder der halbtransparente Einblick in den Bahnhof. Auf dem 2. Buckel von links spiegelt sich der Bahnhofsturm. Im 2. Bild sind Reflexionen von Gebäuden – Lichtreflexionen - auf dem Glas der Eingangshalle zu sehen. Das Dritte Bild ist ein Detail aus Bild 2 aus dem Eingangsbereich. Die Fliesen im Bild ändern nicht ihre Farbe sondern weiter hinten fällt der Schatten vom Bahnhofsturm auf den Boden. Auf gut Deutsch: Licht wird hier sehr wohl und gut simuliert. „Jeder kann sich übrigens ganz leicht ein Urteil zu der Qualität diese Simulation bilden, indem er das erste Foto (Außen-"Aufnahme" Straßburger Platz) anschaut und sich fragt, wie realistisch hier Boden und Bonatz-Mauerwerk dargestellt sind. „ Was ist denn am Bahnhof nicht realistisch? Ist der Farbton des Muschelkalks nicht exakt getroffen worden? Das ist die Nordansicht, die bisher von den überaus hässlichen Bahnsteigüberdachungen verdeckt wird. Wie die ohne Dach hergestellt wird ist noch vollkommen offen und daher dem Gestalter frei zur Auswahl. Der Boden, das S21-Bahnhofsdach, soll wohl tatsächlich in diesem Bereich gepflastert werden und keinen Rasen erhalten. Daher ist das grau Einerlei zutreffend. „Auf die gleiche "Qualität" beschränken sich nämlich auch alle anderen Darstellungen auf der Seite.“ Im Hinblick auf die Lichtsituation ist die Qualität erheblich besser als die der geschönten Bilder von Ingenhoven und sonstiger S21-Propagandisten.

FEB
09
Hoss, 09:33 Uhr

Schöner als die Realität

Ich befürchte, daß die Realität noch schlimmer werden würde, als es die Fraunhofer-Bilder zeigen. Egal ob es nun Screen- oder Snapshots oder sonstwas sind. Jeder weiß wie Beton aussieht und kann sich anhand der Ingenhoven-/Bahn-Werbebildchen und der Fraunhofer-Bilder selbst eine Meinung bilden, welche wohl näher an der Realität liegen. Empfehlen würde ich auch, sich noch, sozusagen "on top", 10-20 Jahre Nutzung durch Bahnkunden und Züge vorzustellen, da ist dann recht schnell vorbei mit den "blütenweissen Träumereien".

FEB
07
M. Ostermann, 10:46 Uhr

An ehrlicher Auseinandersetzung nicht interessiert?

@DonCarlos, Sie behaupteten "Hier noch einmal die Simulation von Fachingenieuren: http://www.magazin-world-architects.com/de_08_25_onlinemagazin_s21_de.html" Der Kreis schließt sich, denn es handelt sich eben um die Snapshots aus dem schon erwähnten Fraunhofer Echtzeit-VR Modell, und um keine Licht-Simulation. Jeder kann sich übrigens ganz leicht ein Urteil zu der Qualität diese Simulation bilden, indem er das erste Foto (Außen-"Aufnahme" Straßburger Platz) anschaut und sich fragt, wie realistisch hier Boden und Bonatz-Mauerwerk dargestellt sind. Auf die gleiche "Qualität" beschränken sich nämlich auch alle anderen Darstellungen auf der Seite.

Kommentar-Seite 1  von  68