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Balbina in Stuttgart Ein bisschen viel Kinderlied

Von Nadja Dilger 

Balbina singt mir ihrer fantastischen Stimme kindlich-einfache Texte. Doch unsere Autorin konnte sich in Balbinas Stuttgarter Auftritt im Club Cann am Donnerstag partout nicht reinhören.

Balbina in Stuttgart: wenn man sich mal reingehört hat ... Weitere Bilder vom Auftritt im Club Cann zeigt die folgende Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec 9 Bilder
Balbina in Stuttgart: wenn man sich mal reingehört hat ... Weitere Bilder vom Auftritt im Club Cann zeigt die folgende Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec

Stuttgart - Man muss sich an jedes Musikgenre gewöhnen, ob Heavy Metal, Klassik, Rap oder Schlager. Nur Pop gilt als Musikgenre für jedermann. Im Radio totgespielte Musik mit simplen Melodien und Texten, Motto: geht ins Ohr, bleibt im Kopf. „So funktioniert nun mal die Welt“, hat einst die Soulsängerin Leslie Clio gesagt, „Menschen stecken bestimmte Dinge in Schubladen, um sich zurechtzufinden.“

Balbina, Grönemeyer-Support, Genre: Pop. Wirklich? Die Musik der Berliner Sängerin ist am Donnerstagabend im Club Cann nur schwer einzuordnen. Balbina zeigt einerseits den Hang zu großen Musicalshoweinlagen, mit zu lautem Piano und einer stimmlichen Bandbreite à la Whitney Houston. Wozu sie auch den Raum verdunkeln lässt und ein leuchtendes Kostüm trägt. Die Arme bewegt sie robotoermäßig. Und singt zum Beispiel von ihrem Freund vom Triton (einem Mond des Planeten Juno, wie uns Wikipedia verrät).

Definitiv gewöhnungsbedürftig sind die Wortspiele der 32-Jährigen, die, mehr gesprochen als gesungen, an die Verdichtungen des Deutschrap erinnern. Etwa in ihrem Lied „Pechtsträhne“:

Die Pechsträhne steht mir besser als jede Frisur
Pechsträhnen stehen jedem ab und zu
Wenn Pechsträhnen abstehen
Dann muss man sie einfach auskämmen.


Live gespielt klingt das so:


Solche kindlichen Phrasen sind ihr Aushängeschild, ihr Leitmotiv. Auch auf Balbinas zweitem Album, das dieses Jahr bei Four Music erschienen ist. Es heißt „Über das Grübeln.“ Auch auf diesem Tonträger ist ihre Stimme der Star: Jedes Wort wird exakt zu Ende gesungen, jede Betonung, jeder Ton sitzt, in allen Tonlagen.

Balbinas Ausstrahlung: kühl das Gesicht, verschlossen die Bewegungen. Viele Popfans kreiden das den Klassiksängern an: dass sie zu steif seien und zu exakt. Gefühlsregungen zeigt Balbina während der Songs nur, wenn sie etwa in dem Lied „Tisch“ den eigentlichen Rappart von Rapper Maeckes plötzlich schreit und ihr Bandtrio mit Gitarre und Schlagzeug einsetzt.

Ein bisschen zu viel Kinderlied

Fürs Headbanging indes sitzt Balbinas Dutt zu fest. Auch das ovalförmige Etwas da sie mit weißen Socken und Sneakers trägt und wodurch ihr Bauchnabel ab und an blitzt, ist weniger für eine Rockeinlage geeignet als vielmehr ein Streitpunkt für Modefans. Während der Show wechselt die Sängerin mehrfach ihr Kostüm. Doch sie steigt nicht in ein bequemeres Outfit, sondern in einen identisch geschnittenen Zweiteiler, nur in jeweils anderer Farbe.


Wegen der ungewöhnlichen Texte und dem Sound dazu, vielleicht auch wegen ihres künstlichen Auftretens wird Balbina von vielen Kritikern als neue deutsche Popentdeckung bezeichnet. Ihre Show im Club Cann - die neueren Songs wie auch einige ältere vor ihrer „Entdeckung" - erinnern jedoch ein bisschen zu sehr an Kinderlieder, Kindermusical. Das ist neu und ungewöhnlich. Ob es gut ist?

Vielleicht ist diese Musik, wie jede Musik, Gewöhnungssache. Im Club Cann hat man sich jedenfalls nach einer Stunde Spielzeit noch nicht an die verschiedenen Elemente ihrer Show gewöhnt.


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