"„Diese Aussage hat mich irritiert, der Zeitpunkt war sehr ungünstig. Ich bin noch Kapitän der Nationalelf.“"
Ballack über Lahms Vorstoß bei der Weltmeisterschaft
Leverkusen - Wolfgang Holzhäuser lag ziemlich falsch, als er das riesige Interesse an Michael Ballacks erstem Auftritt in Leverkusen mit der Entwicklung des Werksclubs in Verbindung brachte. Der enorme Journalistenauflauf "zeigt, dass wir mit diesem Transfer richtig liegen", behauptete der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen forsch. Doch natürlich waren die 16 Kamerateams und die rund 100 Journalisten vor allem gekommen, um ein eher düsteres Kapitel in Ballacks Karriere auszuleuchten: die Debatte über das Kapitänsamt in der Nationalelf.
Sichtlich beunruhigt reagierte der 33-Jährige auf alle Fragen zu diesem Thema, "ich bin immer noch Kapitän der Nationalmannschaft", sagte er immer wieder, "ich habe absolutes Vertrauen in den Bundestrainer". Ob dieses Vertrauen auf Gegenseitigkeit beruht, ist unklar. "In den nächsten Tagen" werde es ein Telefonat geben, sagte Ballack, der ziemlich unglücklich wirkte mit der ungeklärten Situation.
Und Schuld an dem Ärger hat in Ballacks Augen Philipp Lahm. Der Ersatzkapitän hatte nach dem Sieg über Argentinien im WM-Viertelfinale erklärt, er wolle die Binde nicht "freiwillig abgeben", und damit eine wilde Debatte ins Rollen gebracht. Ballack hatte lange geschwiegen, nun sagte er: "Diese Aussage hat mich irritiert, der Zeitpunkt war sehr ungünstig."
Flache Hierarchie hat Hochkonjunktur
Im Gegensatz zum autoritären Ballack pflegt Lahm einen kommunikativeren, einen offeneren Führungsstil, der bestens ankam im Team. Die Theorie von den "flachen Hierarchien" hatte Hochkonjunktur im deutschen WM-Quartier. "Ich kenne das Wort nicht, ich kenne die Interpretation nicht", sagte Ballack, als er mit dem Begriff konfrontiert wurde. Wie schon bei seinem Besuch in Südafrika war die Entfremdung des einstigen Anführers von diesem Team auch in Leverkusen spürbar. Der (Noch-)Bundestrainer hat also einiges zu erklären, wenn es zum Gespräch mit dem (Noch-)Kapitän kommt, und vieles deutet darauf hin, dass Ballack zumindest unter Löw die Binde nicht mehr tragen wird.
Da war es deshalb nur gut, dass der Mittelfeldspieler in seinem neuen Verein nicht um seinen Status fürchten muss. Wolfgang Holzhäuser sprach vom "außergewöhnlichsten Transfer der gesamten Bundesliga in diesem Sommer", und die Leverkusener Logik hinter dem Coup ist in der Tat bestechend. "Genau so einen Typ brauchen wir hier bei uns", verkündete der Geschäftsführer, denn der hochtalentierten, aber noch recht jungen Mannschaft wurde zuletzt ein Mangel an Erfahrung attestiert.
Mit Ballack erhofft der Trainer Jupp Heynckes sich eine "bessere Balance zwischen Jung und Alt". Aber auch die Rolle des Spielers, der mal dazwischen haut, der viel zitierte "Drecksack", fehle der Werkself. Da passt Ballack hervorragend ins Anforderungsprofil. Vor allem aber ist es der sportlichen Leitung gelungen, Ballack aus einem "nicht vorhandenen Etat" zu finanzieren, wie der Sportdirektor Rudi Völler erläuterte. Aus dem Haushalt des Leverkusener Fußballunternehmens wäre Ballacks Gehalt (wohl zwölf Millionen Euro in zwei Jahren) nie bezahlbar gewesen.
Ballack als Image-Projekt der Bayer AG
Eigentlich hatte der Club sich damit abgefunden, in diesem Sommer überhaupt keine großen Transfers mehr realisieren zu können. Doch für Ballack, der noch an seiner Knöchelverletzung laboriert, öffnet Werner Wenning, der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, die Konzernschatulle. "Aus einer Lockerheit heraus" sei die Idee entstanden, berichtete Völler. Wenning und die anderen Vorstandsmitglieder ließen sich davon begeistern, es handle sich um "eine Frage der Imagebildung für die Bayer AG", sagte Holzhäuser. Vielleicht bekämpft Ballack seinen Nationalelfgroll bald in Werbespots mit Aspirin.
Ballacks gute Erinnerung an seine Vergangenheit in Leverkusen (1999 bis 2002) und die Tatsache, dass dem Team ein enormes Entwicklungspotenzial nachgesagt wird, haben ihn an den Rhein getrieben - trotz höher dotierter Angebote etwa aus Wolfsburg. Außerdem hat Ballack nach vier zweiten Plätzen mit Leverkusen in Meisterschaft, Champions League und Pokal noch eine Rechnung zu begleichen. Den Begriff Titel vermied er zwar, aber er wolle "so weit wie möglich nach oben, wenn nicht ganz oben". Und das wäre ganz gewiss ein Trost, wenn er tatsächlich von der Spitze des Nationalteams gestürzt werden sollte.