Ballettabend „Farewell“ in Mannheim Ein letztes Mal lassen sie die Muskeln spielen

Von Petra Mostbacher-Dix 

Mit dem vierteiligen Abend „Farewell“ verabschiedet sich Kevin O’Day von Mannheim. Der Ballettchef am Nationaltheater verlässt das Haus nach 14 Jahren und 41 Produktionen zum Ende der Spielzeit.

Maggie Forgeron und Huy Tien Tran in Dominique Dumais’ Choreografie  „Tracing Isadora“ Foto: Hans Jörg Michel
Maggie Forgeron und Huy Tien Tran in Dominique Dumais’ Choreografie „Tracing Isadora“Foto: Hans Jörg Michel

Mannheim - BAND ist auf den hohen opakweißen Paneelen zu lesen, vor denen Männer und Frauen die Hüften schwingen. Dahinter jazzen zehn Musiker, Fusion, Oriental, Free oder Beebop, bis ein Paneel nach dem anderen umkippt, haarscharf an den Tänzerinnen und Tänzern vorbei, die sich auf die Bühnenseite zurückziehen. Eine Blonde indes tanzt selbstvergessen, fiebrig vor sich hin, während das Licht immer schwächer wird, nur Stille und Dunkel bleiben.

Die Schlussszene des grandiosen Stücks „I’m with the band“, für das der Choreograf Kevin O’Day Jazzmusiker der Region versammelt hat, ist auch das Ende des Tanzabends „Farewell!“ im Nationaltheater Mannheim (NTM). Der Titel hätte nicht besser gewählt sein können. Die Premiere ist ein Abschied: Ende dieser Spielzeit verlässt der US-Amerikaner das NTM, das Ballettensemble in dieser Form wird sich auflösen. Über den Nachfolger Stephan Thoss, einst Tanzchef in Wiesbaden, soll im Mai der Mannheimer Gemeinderat entscheiden.

Der Abschied von Seiten der Stadt nach 14 Jahren Kevin O’Day scheint kühl. Zwar danken Oberbürgermeister Peter Kurz und Kulturbürgermeister Michael Grötsch offiziell dem Choreografen für seine „neuen Formate, innovativen Ansätze und wichtigen Impulse“, betonen indes, „ein Wechsel in der Leitungsebene und damit verbunden neue künstlerische Handschriften“ seien üblich und erwünscht. Kurz vor dem 15. Amtsjahr macht das hellhörig, nach dieser Zeit werden am Theater Angestellte unkündbar. Das gilt zwar nicht für Kevin O’Day, der seit 2013 in einem neuen Führungsmodell einer von fünf NTM-Intendanten ist, indes für seine Frau und Stellvertreterin, die frankokanadische Choreografin Dominique Dumais, und manchen Tänzer.

Das Publikum hat sein Ensemble lieben gelernt

O’Day war in der Spielzeit 2002/2003 angetreten, nicht nur um die Neoklassik weiterzuentwicklen, sondern auch eine Plattform für neue Formate zu schaffen. 41 Produktionen sind entstanden, viele Ensemblestücke, Ballettabende wie Handlungsballette, oft mit Livemusik, vor allem mit dem Komponisten John King. War dem Publikum zu Beginn manches zu abstrakt und avantgardistisch, seine Tanzsprache zu athletisch, zu wenig Klassik, haben die allermeisten O’Day und sein Ensemble lieben gelernt. Werke wie die „Goldberg-Variationen“, „eine stunde zehn“, „Kammerspiel“, „Othello“ und zuletzt „Alpha Omega“ wurden begeistert aufgenommen, wie auch Dumais’ Stücke „Lebenslinien“, „Chansons“, „Frida Kahlo“ oder „PURE“. Seit 2005 präsentiert das Paar ihre Tänzer als Tanzschaffende im Format Choreografische Werkstatt. Für Kritiker vereinen O’Day und Dumais in idealer Weise mehrere Tanzwelten, harte und weiche Linien, Abstraktion und Narration.

Jenseits aller Geschmackssachen zeigt indes „Farewell!“, wie viel künstlerisches Potenzial Mannheim verlassen wird. „Wir wollten die hiesige Tanztradition darstellen, das musikalische Potenzial der Rhein-Neckar-Szene einbinden – und dem Publikum mit ihren Lieblingen danken“, so O’Day. Und so entschied sich das Team statt einer Gala für längere Ausschnitte aus vier Stücken von 2008 bis 2014.