Barcelonas Kapitän Puyol "Wir wollen das Spiel diktieren"
Fragen von Carlos Ubina, vom 23.02.2010 22:04 Uhr
Die Führungsfigur mit der Löwenfrisur: Carles Puyol Foto: AP
Stuttgart - Carles Puyol genießt beim FC Barcelona Kultstatus - obwohl oder gerade weil der 31-Jährige nicht den Hochglanzfußball des spanischen Meisters verkörpert. Der Abwehrspieler steht für den unbändigen Willen, es mit weniger Technik auch in einem außergewöhnlichen Starensemble weit bringen zu können.
Herr Puyol, seit Einführung der Champions League 1992/1993 ist es noch keinem Club gelungen, sie zweimal hintereinander zu gewinnen. Wird der FC Barcelona diese Serie durchbrechen?
Das wäre schön, weil es sich schließlich um den wichtigsten Vereinswettbewerb überhaupt handelt. Aber dieses Vorhaben ist auch sehr schwierig, weil man dazu eine Reihe von Siegen braucht - und um dieses Ziel zu erreichen, haben wir noch einen weiten Weg vor uns.
Im vergangenen Jahr haben Sie aber nicht nur den begehrtesten Europapokal in die Höhe gestemmt, sondern auch noch fünf weitere Clubtrophäen.
Die vergangene Saison war perfekt. Nicht nur, weil wir die sechs Titel gewonnen haben, sondern auch, weil wir eine sehr gute Stimmung in der Mannschaft und im Verein hatten. Aber das lässt sich nicht wiederholen.
Der FC Barcelona ist jedoch nicht nur außergewöhnlich erfolgreich gewesen, er hat zudem den schönsten Fußball gespielt. Allerdings ist nicht geklärt, ob für die Mannschaft selbst das Ergebnis oder das Erlebnis im Vordergrund steht.
Natürlich bedeutet es uns viel, einen schönen und spektakulären Fußball zu bieten. Denn wir kommen nicht nur auf das Feld, um zu gewinnen. Wir wollen überall das Spiel diktieren, den Lauf des Balles bestimmen. Und in der Defensive wollen wir den Gegner so weit wie möglich von unserem Tor fernhalten. Das birgt zwar ein hohes Risiko, aber das ist unsere Spielauffassung - und davon rücken wir nicht ab.
Bis zum großen Ziel am 22. Mai in Madrid. Dort, im Bernabeustadion, wird das diesjährige Champions-League-Finale ausgetragen. Ist Stuttgart da nur eine Durchgangsstation?
Nein, mit Sicherheit nicht. Nach der Auslosung konnte man zwar denken, dass der VfB für uns ein leichter Achtelfinalgegner ist, aber ich habe gleich gewarnt: Es ist ein hartes Los. Die Stuttgarter hatten damals eine schlechte Phase, aber nun haben sie einen Lauf. Ich denke, dass es eine ausgeglichene Paarung ist. Aber um unser Ziel zu erreichen, müssen wir gewinnen - auch, wenn der VfB uns gerade im eigenen Stadion körperlich einiges abverlangen wird.
Was wissen sie über die Stärken des VfB?
Die Mannschaft hat sich in den vergangenen zwei Monaten enorm verbessert. Sie spielt schnell und ist physisch stark. Dazu hat der VfB wieder gute Ergebnisse erzielt. Wir gehen also davon aus, dass wir auf einen selbstbewussten Gegner treffen.
Zum Selbstverständnis von Barça gehört es nicht nur, erfolgreich und schön zu spielen, sondern ebenso Spieler entsprechend auszubilden. Dieses Modell, es mit einer Mischung aus Eigengewächsen und auswärtigen Stars zu versuchen, verfolgt auch der VfB. Wie funktioniert beim FC Barcelona das Zusammenspiel dieser Gruppen außerhalb des Rasens?
Obwohl wir einige Individualisten in unseren Reihen haben, verfolgen wir alle die gleichen Ziele - und das macht die Zusammenarbeit nicht besonders schwierig. Grundsätzlich werden auch alle Spieler gleich behandelt, egal, woher sie kommen. Für den Club ist es wunderbar, dass es zuletzt Eigengewächse wie Xavi und Andrés Iniesta zu tragenden Säulen gebracht haben. Aber auch andere Spieler kommen aus unserer Akademie La Masía. Das zeigt, wie gut im Nachwuchsbereich gearbeitet wird. Und wenn dann die Spieler von außerhalb dazukommen, verhält es sich wie in einer Familie. Wir helfen ihnen, damit sie uns helfen, Spiele zu gewinnen.
Welche Rolle spielt in diesem Prozess der Trainer Josep Guardiola?
Seine Arbeit ist fundamental. Er ist die absolute Führungsfigur. Pep Guardiola gibt die Richtung vor - und wir folgen ihm. Er ist jedoch nicht nur ein guter Trainer, weil die Resultate passen. Unabhängig von Sieg oder Niederlage, weiß er, wie er die Spieler anzupacken hat. Zudem ist er stets bemüht, neue Impulse zu setzen.
Beim Blick zurück gibt es jedoch auch das Barça, das vor vier Jahren die Champions League gewann. Welches Team ist besser: das von 2006 oder das von 2009?
Beide waren großartig, mit großartigen Spielern wie 2006 Ronaldinho und Deco. Der Unterschied ist nur, dass wir 2009 konstanter waren und das nötige Glück hatten. Ich persönlich hatte ja das Glück, beiden Mannschaften anzugehören, und kann nur sagen: beide waren außergewöhnlich.
Zur Person: Carles Puyol i Saforcada
Carles Puyol hat bisher nur La Pobla de Segur CF, dem Club seines Geburtsortes in Katalonien, und dem FC Barcelona angehört. Bereits als 17-Jähriger wechselte der Abwehrspieler 1995 in die B-Mannschaft Barças, 1999 holte ihn der damalige Trainer Louis van Gaal in das Erstligateam. Bezeichnend bis heute ist für den 31-Jährigen eine Aussage seines früheren Jugendtrainers Oriol Tort: "Kann sein, dass der Junge viel weniger Talent besitzt als andere, aber ich habe noch nie einen erlebt, der solch einen Ehrgeiz hatte dazuzulernen."
Der Verteidiger, den sie wegen seiner aggressiven Spielweise in Spanien auch "el tiburón" (der Hai) nennen, hat bisher 80 Länderspiele (zwei Tore) absolviert. 2008 gehörte Puyol zur Europameisterelf.
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