Baumschnittkurs in Stuttgart-Zuffenhausen Palmer zeigt Parallelen von Botanik und Politik

Von Martin Braun 

Der grüne Wahlkreiskandidat Franz Untersteller hat Boris Palmer zu einem Baumschnittkurs nach Stuttgart-Zuffenhausen eingeladen. Der Tübinger Oberbürgermeister zeigt den Palmerschen Schnitt – und Parallelen zwischen Botanik und Politik.

Boris Palmer (mit Stirnband) erklärt die Vorteile des Palmerschen Schnitts und die der Grünen-Politik. Franz Untersteller (rechts), Landesumweltminister und grüner Wahlkreiskandidat im Stuttgarter Norden, hat den Tübinger OB  eingeladen. Foto: Martin Braun
Boris Palmer (mit Stirnband) erklärt die Vorteile des Palmerschen Schnitts und die der Grünen-Politik. Franz Untersteller (rechts), Landesumweltminister und grüner Wahlkreiskandidat im Stuttgarter Norden, hat den Tübinger OB eingeladen.Foto: Martin Braun

Zazenhausen - Bereitwillig trägt Franz Untersteller am Zazenhäuser Ortstrand die Leiter durch den Regen, die sein Parteifreund Boris Palmer braucht, um den von seinem Vater entwickelten Obstbaumschnitt zu demonstrieren. Der Umweltminister und grüne Wahlkreiskandidat im Stuttgarter Norden erklärt, warum er den Tübinger Oberbürgermeister zu einem Baumschnittkurs eingeladen hat: „So lange er auf einer Leiter steht, gibt er schon keine Interviews“, sagt Untersteller schmunzelnd. Palmer hat zuletzt mit seinen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik Aufsehen erregt.

Ganz im Ernst ergänzt Untersteller, ihm sei es wichtig, dass die Kenntnisse zur Pflege der tollen Kulturlandschaften in Baden-Württemberg weitergegeben werden. Und diesen Auftrag nimmt Palmer gern an. Er erklärt die Unterschiede zwischen dem württembergischen Schnitt und dem Palmerschen. „Ein Palmerbaum hat immer eine Mitte, von der vier Leitäste nach oben abgehen, beim württembergischen Schnitt sieht der Baum aus wie ein Strommasten mit mehreren Etagen.“ Der Palmerschnitt habe mehrere Vorteile: Das Obst bekomme mehr Sonne, man arbeite nicht gegen die Natur des Baumes und man komme mit der Leiter besser an den Baum heran. Das erleichtere die Ernte, sei aber auch beim Baumschnitt wichtig: „Ich muss sehen, was ich raus schneide.“ Deswegen seien beim Palmerschnitt Gerätschaften nicht erlaubt, mit denen vom Boden aus geschnitten wird. Grundsätzlich brauche man neben einer Holzleiter – Alu sei zu rutschig und mache kalte Finger – nur eine Säge mit verstellbarem Sägeblatt und eine Schweizer Astschere. „Mein Vater hat mir nicht viel hinterlassen: 200 000 Euro Schulden, eine freche Gosch, die Säge und diese Schere“, sagt Palmer und hat die Lacher auf seiner Seite.

Der Baumschnitt als Lehrstück der Demokratie

Überhaupt wird viel gelacht bei diesem etwas anderen Wahlkampftermin. Daran, dass es nicht nur um den richtigen Baumschnitt geht, sondern auch darum, dass die Zuhörer am Sonntag ihr Kreuz bei den Grünen machen, lässt der Tübinger Oberbürgermeister keine Zweifel: Immer wieder zieht er Parallelen zwischen der Botanik und der Politik. „Steile Äste wachsen, flache tragen Obst und hängende sterben ab“, das sei das Wachstumsgesetz der Obstbäume. In der Politik hingegen laute das Wachstumsgesetz, dass die Grünen bei jeder Umfrage ein Prozent mehr bekämen und die CDU eins weniger. Doch nicht nur die Christdemokraten, sondern auch die FDP und die SPD bekommen ihr Fett weg. An einem zuvor abgesägten Ast zeigt er das Kambium, die grüne Wachstumsschicht unter der Rinde. „Das einzige, was den Baum wachsen lässt, ist dieses Grüne, und das ist in der Politik nicht anders.“

Immer wieder erklärt Palmer auch, warum er welche Äste stehen lässt und andere zurückschneidet: „Wir müssen schauen, dass wir das Wachstum steuern.“ Nicht jeder Schnitt wird von den Zuhörern widerspruchslos akzeptiert, doch auch das kommt Palmer bekannt vor: „Wir erleben gerade, dass Demokratie manchmal schwierig ist und Zeit braucht. Zum Beispiel wenn man mit 50 Leuten über einen Ast diskutiert.“

Eine andere Schwierigkeit der Demokratie bringt gegen Ende der Veranstaltung noch der Vorsitzende des Zazenhäuser Bürgervereins, Reinhold Weible, zur Sprache: Er will wissen, wie es mit dem Nordostring weitergehe, sollte der Neubau der Bundesstraße im Stuttgarter Norden tatsächlich im Bundesverkehrswegeplan der Bundesregierung stehen. Das baden-württembergische Verkehrsministerium hat die Maßnahme nicht vorgeschlagen. Und so zeigt sich auch Franz Untersteller skeptisch angesichts dieser Pläne: „Wir werden das nicht erleben, dass der Nordostring jemals gebaut wird.“

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