Bayreuther „Lohengrin“ Nie sollst du mich befragen!
Götz Thieme, 26.07.2010 18:54 Uhr
Georg Zeppenfeld als Heinrich der Vogler Foto: AP
Georg Zeppenfeld als Heinrich der Vogler Foto: AP


Ohne Umstände, ganz schlicht legt Neuenfels das Begehren der Figuren frei; je größer der Glücksverlust, desto verzweifelter umarmen sie sich. Die Brautgemachsszene wird zum erotischen Kampf, mit seinem Körper bedeckt Lohengrin die Braut, will Elsa damit zum Schweigen bringen. Und nachdem sie die Frage gestellt, er in der Gralserzählung Antwort gegeben hat, wollen ihre Hände nicht voneinander lassen. Ein traurigerer Verführungsversuch war wohl selten zu sehen: Wie in Trance Lohengrin anblickend legt Elsa ihr Kleid ab. Vergebens. Der Ritter zieht von dannen, als letzte Tat erlöst er Elsas vermissten Bruder, aus dem Schwanenei steigt ein Embryo und zerreißt die Nabelschnur.

So wie Neuenfels genau auf die Musik hörend sich zum Kern der Beziehungen vorinszeniert, genauso elegant umschifft der im Surrealismus Geschulte - als junger Mann war Neuenfels ein Jahr Max Ernsts Assistent ins Paris - die Staatsaktionen, die Choraufmärsche. Reinhard von der Thannens kühn-kühle Designräume - zwei weiße Seitenblöcke rahmen die nach Bedarf von hinten herangleitenden Podeste und Treppen - mag man als gewaltiges Labor lesen. Das Volk sind Ratten, possierlich, gefährlich, Nummern auf den Rücken, in Schach gehalten von Käfigtüren und von Forscherpersonal in türkisen Overalls. Beinahe wäre der schwächlich-dusselige König Heinrich auf seinem roten Samtsesselthron auf Rollen - er könnte ein Bruder des "Parsifal"-Amfortas sein - einem Messerattentat zum Opfer gefallen. Vom Baum der Erkenntnis trägt er zwei Äpfel in der Tasche, die helfen kaum weiter, als Elsa naht, Pfeile wie der heilige Sebastian im Gewand.

Die Ratten-Metapher - sie lässt an Art Spiegelmans Tierfabelcomic "Maus" denken - ist lediglich eine Spielform. So wie die Helme, Panzer und Kettenhemden in der aus Eichendorff'scher Romantik geborenen Vorstellung von Ritterwelt symbolisch zu verstehen sind. Als ob Wagner Requisiten interessiert hätten! Wie wunderbar offen, rührend, witzig, schlagend und erschreckend sind die aus dieser Idee entstehenden Bilder von Neuenfels und von der Thannen (er hat auch die grandiosen Kostüme entworfen, etwa die ausgreifenden Krinolinen aus Schwanenfedern für Elsa und Ortrud). Der Brautzug mit den rosa Rattenkindern allein ist preiswürdig. Ein Buh dazu war selbst so kläglich witzig, dass es den Widerstand der Zuschauer entwaffnete.

Nicht alles funktioniert, besonders wenn die Inszenierungslücken durch musikalische Gestaltung aufgefüllt werden müssten. Evelyn Herlitzius' gellende Ortrud bleibt einförmig, während Annette Dasch als Elsa an Textdeutlichkeit zulegen könnte, aber im Piano mit Linie punktet. Hans-Joachim Ketelsen als Telramund singt rau, immerhin versteht man jedes Wort, Georg Zeppenfeld distinguiert-nobel, Samuel Youn als Heerrufer kraftvoll. Bleibt Jonas Kaufmanns Latin-Lover-Lohengrin, der den Beifall abräumt: Seine gaumig-kloßige Pianofarbe ist nicht jedermanns Geschmack - den dramatischen Momenten bleibt er nichts schuldig.
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