Beck-Kolumne Der wahre Clown ist ein Dackel

Oskar Beck, 07.05.2013 10:33 Uhr

Stuttgart - Zu den unvergesslichsten Schlüsselerlebnissen meiner Kindheit gehört die Hirnsuppe von Oma Klara. Immer samstags kam sie auf den Tisch, und tellerweise habe ich sie in mich hineingelöffelt, begleitet von Opa Arturs Anfeuerungsruf: „Iss, Bua, damit d’gscheit wirst.“ Heutzutage hat man das dumme Gefühl, dass Hirnsuppe leider kaum noch gegessen wird, dabei könnte sie Schlimmes verhindern, vor allem im Fußball. Denn in diesem Riesenrad der Emotionen hat so mancher immer öfter ein Rad ab, mindestens aber ein Brett vor dem Kopf – denken wir nur an die entgleisten Gesichtszüge von Matthias Sammer und Jürgen Klopp zuletzt im deutsch-deutschen Gigantenduell. Auge um Auge, Zahn um Zahn und Kopf an Kopf haben sie nahezu den Verstand verloren, der glühende Bayern-Sportchef und der lichterloh brennende BVB-Trainer, salopp gesagt haben sie sich mit den Hörnern beharkt wie die Hornochsen in der freien Wildbahn – und sich vermutlich sogar gegenseitig als dummen August beschimpft, wenn nicht gar als Clown.

Aber das darf man nicht.

Denn die wahren Clowns fühlen sich dann beleidigt. Als Peer Steinbrück unlängst seinen Ruf als rotzfrecher Kanzlerkandidat zementierte und angesichts des Komikers Beppe Grillo, vor allem aber wegen Silvio Berlusconi über die Italo-„Clowns“ in der Politik lästerte, zog ihm Bernhard Paul, der Chef des Circus Roncalli, in einem Empörungsbrief die Schlappohren lang, hören wir noch mal kurz rein: „Ein Zirkusclown ist kein Depp, den man auf eine Stufe mit Berlusconi stellt.“

Paul ist selbst Clown und legt Wert darauf, dass das „ein ehrenwerter, sensibler, künstlerischer Beruf“ ist – jedenfalls kriegt er einen dicken Hals, wenn er die sogenannten Clowns von heute sieht, diese Bunga-Bunga-Hanswurste und Klamaukbrüder, die das tägliche Kasperletheater der grenzenlosen Comedy füttern und zum Sargnagel für den guten, alten Zirkus werden mit ihrem Affenzirkus.

Im weißen Porsche unterwegs

Paul ist Österreicher, aber doch aus einer völlig anderen Welt als, sagen wir mal, sein Landsmann Marko Arnautovic. Der ärgert seinen Club Werder Bremen zurzeit mit der schlechten Angewohnheit, nicht im Abstiegskampf für Punkte zu sorgen, sondern lieber in Flensburg. Als er neulich mit seinem weißen Porsche nachts um drei mit 52 Sachen zu viel durch eine Autobahnbaustelle raste, wobei ihm Mitspieler Eljero Elia im roten Bentley im Nacken saß, dachte man zunächst: Da sind zwei vorbildliche Profi extra früh aufgestanden und haben Gas gegeben, um auf gar keinen Fall den Abflug zum Schicksalsspiel in Leverkusen zu verpassen. Aber dann das jähe Erwachen. Sie waren auf dem Heimweg – und haben, hört man, gegenüber den Polizisten „auf dicke Hose gemacht“.

Das erinnert ans vorige Jahr – damals hat Arnautovic anlässlich einer Verkehrskontrolle bereits einen österreichischen Wachtmeister mit dem denkwürdigen Satz ins Grübeln gebracht: „Du hast mir gar nichts zu sagen. Ich verdiene so viel, ich kann dein Leben kaufen.“

Nein, das ist nicht mehr das hohe C des anspruchsvollen Clowns, der die Menschen zum Lachen bringen will, da lachen auch keine Polizisten mehr, ja nicht einmal mehr die Hühner – eher raufen sie sich die Federn aus angesichts dieser gackernden Gockel, die sich für das Gelbe vom Ei halten oder sogar für einen Doppeldotter.

Tiefergelegte Clowns

Diese tiefergelegten Clowns von heute treiben immer mehr Menschen zum Heulen fluchtartig in den Keller, man kann Kleinkinder mit ihnen erschrecken und Omas verscheuchen – denn entweder randalieren sie in der Disco, füllen sich an der Bar ab, brettern vor Schicksalsspielen nachts schnell noch röhrend durch Baustellen oder springen sich an der Seitenlinie wie bissige Draculas im Blutrausch gegenseitig fast an die Halsschlagader wie Jürgen Klopp und Matthias Sammer. Ob womöglich sogar der jüngste TV-Auftritt von Waldemar Hartmann in diese Geschichte unbedingt noch mit reinmuss, dürfen Sie, liebe Leser, selbst entscheiden.

Passiert ist da vor ein paar Tagen jedenfalls Folgendes. Waldi saß bei Sport 1 und verkündete bezüglich des Steuerfalls Hoeneß vollmundig: „Jeder, der irgendwann einmal den Hund von Uli gestreichelt hat, meint plötzlich, sich zu Wort melden zu müssen – aber ich sage gar nichts.“ Mindestens weitere zwei- bis dreimal hat Waldi anschließend rigoros betont, dass er nichts dazu sagt, aber stattdessen hat er dann doch lieber ausführlich alles gesagt, was ihm spontan dazu einfiel, zum Beispiel, dass er den Uli vor ein paar Tagen auch mal im privaten Rahmen getroffen hat – im Grunde vergaß er lediglich zu erwähnen, ob er dabei auch den Hund von Hoeneß gestreichelt hat oder nur der Uli den Waldi.

Das ist diese neumodische tägliche Comedy, die der Chef vom Circus Roncalli vermutlich gemeint hat und die den altehrwürdigen Clowns zusehends das Wasser abgräbt – sogar der englische Verteidiger Liam Ridgewell von West Bromwich Albion wurde neulich schon als Clown gefeiert, weil im Internet ein Foto von ihm kursierte, wie er breitbackig auf der Kloschüssel sitzt und sich mit einer 20-Pfund-Note den Hintern abwischt, während weitere Geldbündel durch die Toilette flattern.

Das sind, werden viele jetzt vermuten, die unvermeidlichen Spätfolgen des britischen Rinderwahns – was aber natürlich nicht dazu führen darf, dass inzwischen von der Hirnsuppe jeder die Finger lässt. Man kann sie nämlich getrost auch aus Schweinehirn machen wie Oma Klara, und aus eigener Erfahrung hebe ich hiermit die Hand zum Schwur: Schon zwei Teller, regelmäßig eingenommen, bringen selbst in schweren Fällen eine rasche Linderung.