Berlin - Fakten, Fakten, Fakten. Der alte Menschheitstraum vom knallharten Klartext könnte endlich wahr werden, wenn Jogi Löw am Freitag sein Aufgebot für die nächsten Länderspiele bekanntgibt. Fallen doch noch die Würfel? Macht der Bundestrainer ernst? Redet er um den heißen Brei nicht länger herum?Die Binde muss auf den Tisch!
Die halbe Welt, mindestens aber ganz Deutschland will es einfach wissen, jetzt oder nie. Seit Wochen macht die höllische Ungewissheit die Leute fix und fertig, schon morgens in der Straßenbahn gehen die wildfremdesten Menschen einander auf den Zeiger mit der nervenzerfetzenden Frage, wer Kapitän wird. Vielen brummt mittlerweile derart der Kopf, dass ihnen die Haare ausfallen, und der Oberarm tut einem schon weh beim Gedanken, wie schwer so eine Spielführerbinde wiegt.
Duelle hat es schon immer gegeben
Lahm oder Ballack? Es hat diese erbittert geführten Duelle seit der Schöpfungsgeschichte ja immer gegeben. David oder Goliath? Kennedy oder Nixon? Kahn oder Lehmann? Bei Letzteren war es vor Jahren der Kampf ums Tor, aber der Krieg um die Kapitänsbinde ist jetzt ein anderes Kaliber. Ein ganzes Fußballvolk wird schon einen Sommer lang erschüttert von diesem Thema, das in früheren Zeiten nie eines war und noch leicht und locker gehandhabt wurde. Unserem Heldenkapitän Lothar Matthäus wird sogar der Satz zugeschrieben: "Bei mir zu Hause trägt die Frau die Binde."
Ein paar Empfindlichen ist damals das Lachen im Hals steckengeblieben, doch im Nachhinein wären alle froh, wenn Philipp Lahm die Sache wenigstens halb so lustig sehen würde. Der ist neuerdings ja auch verheiratet und könnte es also halten wie Lothar. Doch Lahm versteht da keinerlei Spaß, der gibt die Binde nicht ab.
Seit wann das klar ist? Da war bei der WM diese Szene gegen Argentinien. Lahm erkämpfte vor dem deutschen Tor den Ball. Aus dem Strafraum heraus ist er zum sofortigen Konter über rechts losgezogen, aber urplötzlich, in völliger Missachtung des hechelnden Argentiniers in seinem Nacken, drosselte er mitten im Lauf das Tempo, zupfte sich seine Spielführerbinde zurecht - und erst als die wieder fest und gründlich am Oberarm saß, hat Lahm den nächsten tödlichen Pass gespielt. Da stand fest: Der hat dieses Stück Stoff adoptiert.
Lahm war während der WM plötzlich ganz oben
Das hat Lahm dem verletzten Amtsinhaber und der staunenden Welt dann auch prompt mündlich gegeben: Der Ballack, sagte er ungefähr, kann so gesund zurückkehren, wie er will - die Binde kriegt er nur noch über meine Leiche. Dieses Machtwort war verdammt viel Schmackes für einen Aushilfskapitän und hat eingeschlagen wie eine Bombe, aber der Fußball war schon immer eine Momentaufnahme. Und in jenem Moment, nach dem 4:1 gegen England und dem 4:0 gegen Argentinien, war Lahm nun einmal ganz oben, Wolke sieben, was kostet die Welt?
Er war der gefeierte Kapitän des kommenden, unvermeidlichen Weltmeisters - und im Rausch dieses Gefühls hat er den perfekten Moment zur Machtergreifung wahrgenommen. Jeden Tag wurde der kleine Lahm größer. Er wuchs sich selbst über den Kopf und war sogar auf dem besten Weg, am Ende den Goldenen Ball in den afrikanischen Himmel zu stemmen, als bester Spieler der WM.
Er war der designierte Riese, und als solcher meldete er seine Ansprüche auf die Binde an. Das Kapitänsamt, sagte er, mache ihm Spaß, aber vor allem der Spaß an der Macht macht ihm Spaß. Schon beim FC Bayern hatte er, ehe dort Mark van Bommel das Rennen machte, laut mit dem Zeigefinger geschnippt. So nett und zum Knuddeln dieser sympathische Philipp ist - vor allem weiß er, was er will.