Begegnung mit Hakan Nesser „Gibt es   einen Gott?“

Hilke Lorenz, 01.12.2012 06:06 Uhr

München - Manchmal ist es nur das Wetter oder die Deutsche Bahn, die unsere Pläne durcheinanderwirbeln. Es geht aber auch schlimmer, wie noch zu merken sein wird. Håkan Nesser reist mit Verspätung an. Der Winter hat das Land für genau einen Tag mit seiner Anwesenheit bedacht – und für die entsprechende Verwirrung gesorgt. In München wird der Schnee zu Matsch. Ungemütlich ist es draußen. „Ich bin gleich bei Ihnen“, sagt Nesser gelassen. Er muss sich ein bisschen nach vorne beugen bei diesen Worten. Håkan Nesser ist ein großer Mann.

Es gibt zu viele nordische Krimis. Dem Genre ist Gewalt angetan worden Hakan Nesser,

Er weiß die Gegebenheiten zu nehmen, wie sie nun einmal sind, und strahlt kein bisschen Hektik aus. Eher Gelassenheit. Er bringt noch eben den Koffer auf sein Zimmer, dann sitzt er bei einem Cappuccino in der Hotelbar und räsoniert nicht über irgendwas, sondern im wahren Wortsinn über Gott und die Welt und – sagen wir es einmal zugespitzt – wie es ist, Herrgott zu spielen über Leben und Tod der eigenen Romanfiguren.

Der Roman beginnt mit einer Katastrophe

So wie er nichts für das Wetter kann, könne er auch nichts dafür, was gleich auf der ersten Seite seines Abschiedskriminalromans seinem Helden Kommissar Gunnar Barbarotti widerfährt. Fürchterlich ist das. Der Albtraum schlechthin. Barbarotti erwacht an einem Aprilmorgen. Nesser beschreibt das sehr genau. Das Zimmer birgt noch die Nacht, alles sieht aus wie immer: die Bilder an der Wand von den Kindern und die Ablage mit den gerade erst übergeworfenen Kleidern. Der Polizist tastet mit der Hand auf die andere Seite des Bettes nach seiner Frau – und spürt nur die Kälte ihres Körpers. Sie ist tot. Gestorben an einem geplatzten Aneurysma. Irgendwann zwischen dem Gestern und dem Heute. Das sind die Einschläge im Leben, die einen wirklich aus der Spur bringen. Doch kann so ein Roman beginnen, der zu einer Serie gehört, die nach dem Empfinden vieler Leser noch weitergehen könnte? Nesser stellt Barbarottis Leben damit auf den Kopf, er jagt ihn in die Wüste, wie schon Gott Hiob geprüft hat. So hat der schwedische Erfolgsautor eben noch selbst die Situation beschrieben.

Aber er weist jede Verantwortung weit von sich. Spielerisch klingt das, nach geübtem Schlagabtausch. Aber doch nicht wie die übliche Schriftstellerkoketterie, dass die Personen ihrer Romane ein Eigenleben führen, auf das sie keinen Einfluss haben. Nesser verweist auf den Schriftstellerkollegen Stephen King, der auf die Frage, warum er eine seiner Figuren habe ermorden lassen, mit einer Gegenfrage antwortete: Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich die Wahl hatte? „Ich habe sie nicht geopfert“, sagt Nesser ruhig.

Nesser will noch drei Krimis schreiben – dann ist Schluss

Barbarotti muss leiden. Denn Håkan Nesser will sich verabschieden von seinem Helden, dem schwedischen Kommissar mit dem italienischem Vater. Fünf Jahre haben sie miteinander zugebracht. Fünf Romane, die sich ihr Schöpfer nun immer lauter scheut, Kriminalromane zu nennen. „Am Abend des Mordes“, so der deutsche Titel der letzten Geschichte über Barbarotti, sei kein Kriminalroman, sagt er. Das sei ein Buch über Trauer und Abschied – und das Hadern mit Gott.

Nesser klingt fast erleichtert, dass er endlich an dieser Wegmarke in seiner Schreibbiografie angekommen ist. Noch drei Kriminalromane wird er schreiben. In New York, London und Berlin werden sie spielen. Dann ist Schluss. „Ich will über andere Themen schreiben. Es gibt zu viele nordische Krimis. Dem Genre ist Gewalt angetan worden.“ Was als Welle begonnen habe, sei zum Tsunami geworden. Er will da nicht mehr mitmachen.