Fellbach
 
Behindert und auf der Überholspur des Lebens
"Fellbach und Rems-Murr-Kreis", 19.10.2011 02:41 Uhr
Schmiden. Matthias Berg ist ausgezeichneter Musiker, erfolgreicherJurist, Olympiasieger - und contergangeschädigt. Von Brigitte Hess

Wer Matthias Berg per Handschlag begrüßt, hat drei Finger in der Hand, die kurz nach seinem Schultergelenk aus kurzen Ärmchen sprießen. Sekundenbruchteile der Irritation lassen einen kurz zögern, aber der Mann mit dem rötlichen Haarschopf und den lebhaften blauen Augen lächelt so gewinnend, dass alle Befangenheit sofort verfliegt. Matthias Berg ist 50 Jahre alt und contergangeschädigt. Und er ist ein Siegertyp; einer der das, was er anpackt, perfekt macht. Grenzen scheint es für ihn nicht zu geben.

Auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde Schmiden erzählte er im Dietrich-Bonhoeffer-Haus auf einnehmende und faszinierende Art seine Lebensgeschichte. Es ist ein Leben auf der Überholspur, und vielleicht war es gerade seine Behinderung, die ihn zu solchen Höchstleistungen antrieb. Die Frage nach dem "Warum" dürfe man sich nicht stellen im Leben, "das zieht einen nur runter, man hadert mit Vergangenem", sagt Berg. Er ersetzt das Warum lieber durch ein "Wozu". "Das ist nach vorne gerichtet, in Wo-zu steckt Zu-kunft", erklärt Berg seinen Zuhörern. Schon seine Eltern hätten nie gejammert, sondern das gesucht, was möglich ist. So hat der Spross einer Musikerfamilie das Horn als Musikinstrument gelernt, "das kann man mit Hilfe kleiner Umbauten mit drei Fingern bedienen". Matthias Berg studierte Musik und parallel dazu Jura.

Bereits als Jugendlicher gewann er den Bundesentscheid bei "Jugend musiziert", internationale Konzerte und viele Auszeichnungen folgten. Trotzdem hat er sich für die Juristerei entschieden und ist heute Erster Landesbeamter und Stellvertreter des Landrats im Kreis Esslingen. Mit 27 Medaillen - darunter 11 goldene - ist er einer der erfolgreichsten Behindertensportler der Welt. Drei Weltrekorde, die er vor fast 20 Jahren aufstellte, sind bis heute ungebrochen. Hochsprung, Weitsprung, 100-, 200-, und 400-Meter-Lauf und Alpinski waren seine Disziplinen, er startete bei den Paralympics in zwei Nationalmannschaften. "Mein bestes Jahr war 1990, da wurde ich zweifacher Welt- und dreifacher Vizeweltmeister". Heute kommentiert er die Paralympics fürs Fernsehen. Auch Tauchen hat er ausprobiert, und Tennis spielen. Ach ja, ein Buch schreibt er auch noch - über sein Leben.

Natürlich erzählt Berg auch von Niederschlägen, von Zeiten als Jugendlicher, als er angestarrt und gehänselt wurde. Doch er beschließt: "Ich lass mir meine positive Energie nicht wegziehen".

Dann listet der vierfache begeisterte Familienvater seine fünf persönlichen Entscheidungen zur inneren Kraftquelle auf. "Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen", sagt er. Verantwortung fürs eigene Leben übernehmen und an die eigene Kraft glauben gehörten ebenso dazu wie Disziplin. "Und anderen Zeit und Freude schenken, denn das kommt wieder zurück, damit beschenkt man sich selbst", erklärt der große Mann mit den kleinen Armen.

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