Behinderung Kein Mittagstisch mit Rollstuhl?

Viola Volland, 26.12.2012 09:16 Uhr

Stuttgart - Maria-Cristina Hallwachs weiß, wann ihr Körper auskühlt, auch wenn sie es nicht spürt. Lange kann sie im Winter nicht draußen bleiben, ihr Körper kann die Wärme nicht regulieren. Seit sie 18 Jahre alt ist, sitzt Maria-Cristina Hallwachs im Rollstuhl. Nach einem Sprung in einen Swimmingpool ist sie vom obersten Halswirbel abwärts gelähmt. Den Kopf kann sie bewegen, mehr nicht. Als sie mit ihren Eltern vor einigen Tagen unterwegs war, wusste sie, dass es Zeit wurde, in die Wärme zu kommen. Es war mittags, die drei entschieden sich, bei einem Italiener etwas zu essen.

Ihre Mutter ging hinein, fragte den Kellner im Cantinetta, ob sie einen Tisch bekommen könnten, ihre Tochter sitze im Rollstuhl. Die Antwort habe ihre Mutter sprachlos und wütend zugleich gemacht, erzählt Maria-Cristina Hallwachs. Obwohl noch viele Tische frei gewesen seien, habe der Kellner sie weggeschickt. Für den Rollstuhl sei kein Platz, dann komme er nicht mehr durch zu den Gästen, soll er gesagt haben. Sie sollten doch das nächste Mal einen Tag vorher anrufen, dann könne er die Tische entsprechend umstellen.

„Da ist uns der Appetit vergangen“, sagt die 38-Jährige. Denn Platz sei genug vorhanden gewesen, behauptet sie. So etwas sei ihr noch nie passiert, und vielleicht, wenn sie selbst gefragt hätte, wäre es anders gelaufen, glaubt sie. Die positiven Erfahrungen würden die negativen in ihrem Alltag bei Weitem überwiegen.

Maria-Cristina Hallwachs ist eine selbstbewusste Frau mit positiver, gewinnender Ausstrahlung. Sie werfe solch ein Erlebnis nicht um, sagt sie, aber bei jemand anderem sei das vielleicht anders. „Es gibt viele Rollstuhlfahrer, die Hemmungen haben, das Haus zu verlassen“, sagt sie.

Die Stuttgarterin kennt nicht nur privat, sondern vor allem beruflich Rollstuhlfahrer, die sich zurückziehen und zu vereinsamen drohen. Sie arbeitet seit zwei Jahren als Beraterin, unterstützt Menschen, die nach einem Unfall querschnittgelähmt sind und wie sie beatmet werden müssen.

„Viele Rollstuhlfahrer haben Angst, das Haus zu verlassen“

Ihr hätte es damals geholfen, glaubt sie, wenn jemand zu ihr in die Klinik gekommen wäre und ihr gesagt hätte, dass ihr Leben trotzdem reich und erfüllt sein kann. Sie habe immer versucht, positiv an alles heranzugehen – und fährt mit dieser Einstellung sehr gut. „Sonst würde ich es mir nur selbst schwer machen“, sagt sie.

Natürlich ist vieles mühsam. Auch sie musste erst lernen, geduldig zu sein. Morgens dauert es zwei Stunden, bis sie fertig ist. Professionelle Krankenschwestern und Pfleger begleiten sie rund um die Uhr. Aber auch wenn sie sich den Pullover nicht selbst über den Kopf ziehen kann, wählt sie aus, was sie trägt. Auch wenn sie ihr Auto nicht selbst lenken kann, entscheidet sie, wo es langgeht. Sie liebt das Theater, die Oper, das Kino. Natürlich sei es ein riesiger organisatorischer Aufwand rauszukommen, aber es lohne sich. Und ihren Rollstuhl lenkt sie selbst – mit dem Kinn. Die studierte Romanistin lässt sich also nicht so leicht unterkriegen, aber alltägliche Diskriminierung regt sie auf. Deshalb hat sie sich entschlossen, das versagte Essen am Mittag öffentlich zu machen.

Im Cantinetta ist man allerdings verwundert. Der Gastronom Martin Bauer, einer von zwei Inhabern, versichert für den Fall, dass die drei tatsächlich weggeschickt worden seien, habe es nicht am Rollstuhl gelegen. „Wir haben regelmäßig Gäste im Rollstuhl bei uns, schon durch die Nähe zum Bürgerhospital.“ Zwar sei das Restaurant wegen der Stufen am Eingang nicht behindertengerecht, aber Rollstuhlfahrer seien willkommen. Er könne sich das Ganze nur damit erklären, dass die freien Tische für den Mittagstisch reserviert gewesen sein müssten. Allerdings soll sich die Szene erst um 15 Uhr* abgespielt haben (* Anmerkung der Redaktion: Die Uhrzeit war nicht korrekt. Der Besuch war gegen 12 Uhr.). Einzelne Tische würden zudem nicht mit Rollstuhl funktionieren wegen der Laufwege des Personals. Das Lokal sei gefragt. Gerade mittags müsse man regelmäßig Gäste wegschicken. „Aber das hat dann niemals etwas mit einem Rollstuhl zu tun“, betont der Gastronom. Er rät, vorher anzurufen und zu reservieren. „Sie kann gerne wiederkommen“, sagt Bauer. Maria-Cristina Hallwachs möchte die Erklärung „gerne glauben“ – gut möglich, dass sie zurückkehrt. Nachtragend sei sie nicht, sagt die Stuttgarterin.

 
 
Kommentare (18)
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DEZ
27
Werner Wolleck, 13:32 Uhr

Da liegt doch der Hase im Pfeffer

'gemäß Website auch um 15 Uhr gar nicht mehr geöffnet…' Welches Restaurant hat schon um 15:00 geöffnet? Das ist doch die klassische Zeit der Mittagsruhe. Ob da nicht etwas mißverstanden wurde? Und schließlich ist es ja nicht so, daß nicht auch andere Personen nicht überall Zutritt bekommen. Manche Lokale etwa lassen keine Migranten ein, andere keine Obdachlosen, wieder andere keine Arbeiter in Arbeitskleidung usw.

DEZ
27
Der Ton macht die Musik, 13:22 Uhr

@Familie mit Kleinkind, 13:47 Uhr

Also, so sehr es nachvollziehbar ist, daß man auch als Familie mit Kleinkind mal ein Restaurtant besuchen will, muß ich aber doch zu bedenken geben, daß Kleinkinder oftmals ein sehr unappetitliches Verhalten an den Tag legen und dies gerade in Speiserestaurants, wo nunmal eine gewisse Ettikette herrscht, wenig akzeptabel ist. Für mich als bekennenden Feinschmecker und guten Kenner der Stuttgarter Gastronomie ist die Anwesenheit von Säuglingen im Restaurant ähnlich irritierend wie etwa das mittlerweile Gott sei Dank abgeschaffte Rauchen. Ich bitte Sie um Verständnis, aber ich finde, daß man als Familie mit Kleinkind auch andere Möglichkeiten hat, wie etwa Schnellrestaurants oder Imbisse, wo ohnehin wenig Wert auf Ruhe und gute Manieren gelegt wird. Oder eben einfach zu Hause etwas kochen, dies ermöglicht es außerdem, dem Kleinkind die gesündeste Nahrung anzubieten und das sollte doch uns allen am Herzen liegen.

DEZ
26
HKB, 22:02 Uhr

Inklusion in unserer Gesellschaft - die Kommentare zu diesem heute erschienenen Artikel

Es ist beschämend mit welcher Frechheit sich einige dazu erdreisten Ihre Meinung zu diesem ernsten Thema zum Besten zu geben. 'Wer ist in unserer Gesellschaft 24 h für Menschen mit Handicap da.' Im Gegensatz zu dem Schreiberling, der meinte, 'Aussage steht gegen Aussage.' Dieses Geschwätz auf 'Unterschichtsniveau' enttäuscht mich, dass es von der STZ veröffentlicht wird. Ja es stimmt, der Versuch wäre es wert, diesen Schwätzern die Beine hochzubinden und ER/SIE ein 24 Stunden-Alltags-Leben eines Menschen mit Handicap zu bewältigen. Es ist schlimm wieviel Barrieren in den Köpfen dieser Unterschichts-Repräsentanten sich befinden. Die Strafe in Nancy finde ich für sehr gerecht und angemessen. Warum erteilt nicht unser Reserve-Bürgermeister Herr Föll ein ähnliches Verbot für den betroffenen Gastronom? Wenn ich mich nicht irre, fällt dies in sein Ressort.

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