Bergsteigerin Heidi Sand Die Eiger-Nordwand besiegt – und den Krebs

Von Jürgen Löhle 

Heidi Sand, Mutter dreier Kinder, Bildhauerin, passionierte Läuferin und Bergsteigerin, erkrankte aus dem Nichts heraus 2010 an Darmkrebs. Nun hat sie eine legendäre Route gemeistert.

Geschafft: nach zwei Tagen Anstieg steht Heidi Sand am 21. Dezember auf dem Gipfel des Eiger. Foto: Athleten-Werk/Heidi Sand
Geschafft: nach zwei Tagen Anstieg steht Heidi Sand am 21. Dezember auf dem Gipfel des Eiger.Foto: Athleten-Werk/Heidi Sand

Stuttgart - Es ist kalt, so um die minus zehn Grad. Heidi Sand liegt voll angezogen in ihrem Schlafsack, ihr Naturbett ist bretthart und kaum breiter als sie selbst. Vom Tal herauf hört sie die Kirchenglocken. „Das normale Leben klingt nah, ist aber weit entfernt“, sagt sie. Wer hier kurz vor dem Götterquergang in der Eiger-Nordwand sein Lager aufschlägt, der hat bereits ein großes Stück Abenteuer hinter sich – und auch noch eines vor sich.

Eiger-Nordwand, da bekommt der Alpinist Respekt und den Nichtkletterer schaudert es. 1800 Meter supersteil hinauf auf knapp 4000 Meter über Meereshöhe. Das Ganze über fast senkrechte Eiswände und technisch extrem anspruchsvolle Querungen. Kurzum – die Eiger-Nordwand ist eine Herausforderung, und sie steckt voller Geschichten von Wagemutigen, die tagelang auf Rettung warten mussten oder ihr meist junges Leben verloren.

Auf- und Abstieg in 15 Stunden gemeistert

Seit dem vierten Advent hat die Wand eine weitere Geschichte: Es ist die der Stuttgarterin Heidi Sand, die zusammen mit einem Kletterprofi Auf- und Abstieg in 15 Stunden meisterte. Das ist zwar keine Zeit für eine Rekordliste, aber trotzdem eine außergewöhnliche Leistung, vor allem wenn man die Vorgeschichte kennt.

Heidi Sand, Mutter dreier Kinder, Bildhauerin, passionierte Läuferin und Bergsteigerin, erkrankte aus dem Nichts heraus 2010 an Darmkrebs. Es folgten eine Operation und eine Chemotherapie, die ihr alle Kraft aus dem Körper zogen, aber nicht ihren Willen, obwohl die durch die Therapie erzwungene Passivität und Kraftlosigkeit für sie nur schwer zu ertragen waren.

Sie wehrte sich mit Sport, Disziplin und mit einem Ziel – sie wollte ganz hoch hinaus, um der Krankheit die Zunge herauszustrecken. Zwei Jahre nach der Diagnose stand sie auf dem Mount Everest, dem höchsten Berg der Welt. Für viele eine unvollstellbare Leistung nach der schweren Krankheit. Für sie war es Therapie. Anfang 2014 schrieb sie dann Berggeschichte, als sie als erste Deutsche den knapp 8500 Meter hohen Makalu bezwang, den fünfthöchsten Berg der Welt.

Ein Jahr intensive Vorbereitung

Und jetzt also die Eiger-Nordwand im Winter. Für die 49-jährige Schwäbin war das die bisher größte bergsteigerische Herausforderung. Die Alpen sind zwar nicht so hoch wie der Himalaja, der Eiger-Anstieg ist aber technisch höchst schwierig. Heidi Sand bereitete sich ein Jahr lang vor, erkletterte den Berg zweimal über den leichteren Mittellegigrat, trainierte Eisklettern, entwickelte ein Gespür für die Nordwand und wartete auf den perfekten Tag. Und der kam dann am vierten Advent. Das Wetter war gut, das Eis fest. Heidi Sand wählte die Route, auf der die Seilschaft der Erstbesteiger um den Münchner Anderl Heckmair 1938 die gut vier Kilometer lange Kletterei gemeistert hatten. Drei Tage waren die vier Bergsteiger damals unterwegs, mittlerweile steht der Rekord des Schweizers Ueli Steck auf dieser Route bei schier unglaublichen 2:23 Stunden. Heidi Sand ging es aber nicht um die Zeit, sondern um das Erlebnis. „Es war eine unruhige Nacht“, erinnert sie sich an das Ruhelager, „aber als wir dann nach weiteren fünfeinhalb Stunden auf dem Gipfel standen, war das ebenso vergessen wie die Anstrengung.“

Die Aufgabe ist also gelöst, die berüchtigte Nordwand über die Heckmair-Route mit Hinterstoißer-Querung, Götterquergang und Spinne bezwungen. Und jetzt? „Die Alpen sind groß“, sagt Heidi Sand, „da warten noch eisige und steile Wände.“