Berlin zum Votum über Stuttgart 21 Ein schöner Abend für schwarze Minister
Armin Käfer, 28.11.2011 06:54 Uhr
Als "wichtiges Signal für den Wirtschaftsstandort Deutschland" wertet Bundesverkehrsminister Ramsauer das Ergebnis der Volksabstimmung. Foto: dapd
Als "wichtiges Signal für den Wirtschaftsstandort Deutschland" wertet Bundesverkehrsminister Ramsauer das Ergebnis der Volksabstimmung. Foto: dapd
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Berlin - Der Grünen-Chef Cem Özdemir deutet die Schlappe für seine Partei in eine Art Sieg um. "Diese Auseinandersetzung haben wir verloren", sagt er der Stuttgarter Zeitung. "Aber die Auseinandersetzung um einen anderen Umgang mit den Bürgern bei Konflikten um Großprojekte werden wir gewinnen." Die Volksabstimmung in Baden-Württemberg sei "in jedem Fall ein Wendepunkt". Die Grünen seien "gute Demokraten", sagt Özdemir. "Wir finden direkte Demokratie nicht nur dann gut, wenn wir gewinnen."

Der Grünen-Vorsitzende setzt nun auf eine befriedende Wirkung des Volksvotums. Er "hoffe sehr", dass auch die Aktivisten gegen Stuttgart 21 das Ergebnis der Abstimmung akzeptieren werden. Auf die Frage nach einer vermittelnden Rolle seiner Partei antwortete deren Chef ausweichend. "Unser Job ist jetzt, darauf zu achten, dass die Auflagen aus der Schlichtung umgesetzt werden und die Kostenbremse wirklich gilt", sagte er.

Ein schöner Abend für Schavan

Im Unterschied zu Özdemir hat Annette Schavan am Sonntag einen "wirklich schönen Sonntagabend" verlebt. Als die CDU-Politikerin noch der baden-württembergischen Landesregierung angehörte, hatte sie daran mitgewirkt, die Weichen für Stuttgart 21 zu stellen. Nun freut sie sich darüber, dass eine klare Mehrheit der Bürger diesen Kurs nachträglich bestätigt habe. Die meisten Menschen im Südwesten hätten offenkundig "erkannt, dass Stuttgart 21 wichtig für das ganze Land ist, Baden-Württembergs Position in Europa befestigt und dafür sorgt, dass dies eine der interessantesten und innovativsten Regionen in der EU bleibt", sagte Schavan gegenüber der Stuttgarter Zeitung. Das Votum der Bürger sei "zweifellos eine Niederlage für die Grünen", sagte die CDU-Ministerin. Die Ökopartei müsse dies "als Aufforderung begreifen, die Bürger nicht ständig für sich zu instrumentalisieren und stattdessen in der Wirklichkeit anzukommen". Die Gegner des Projekts hätten bisher stets den Bürgerwillen für sich reklamiert. "Nun hat der Bürger entschieden", sagt Schavan, "der Bürger darf also auch erwarten, dass entsprechend gehandelt wird."

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer wertet die Abstimmungsergebnisse als "wichtiges Signal für den Wirtschaftsstandort Deutschland". Bedeutende Infrastrukturprojekte müssten auch weiter möglich sein, deshalb freue er sich über das grüne Licht für den Bahnhofsneubau, sagte der CSU-Politiker. "Wir dürfen nicht nur das Land der Ideen, sondern müssen auch das Land der Umsetzung bleiben", erklärte Ramsauer am Sonntagabend. Der Minister mahnt: "Den Ausgang der Volksabstimmung sollten alle Beteiligten akzeptieren - das gehört zur Demokratie dazu." Ramsauer hatte im Vorfeld der Abstimmung eindringlich für das Bahnprojekt geworben. In der Debatte über den Bundeshaushalt Ende vergangener Woche sagte er, der Umbau des Kopfbahnhofs in eine unterirdische Durchgangsstation biete eine großartige städtebauliche Chance.

Döring: "keine neuen Brandmauern"

Ramsauer kritisierte, dass Projektgegner falsch informiert und zum Teil gelogen hätten. Er versicherte zudem: "Die Verwirklichung von Stuttgart 21 tangiert überhaupt nicht die Verwirklichung der anderen strategisch und strukturell wichtigen Bahnprojekte in Baden-Württemberg."

Patrick Döring, der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, deutet das Ergebnis des Volksentscheids so: "Eine Mehrheit der Baden-Württemberger hat erkannt, dass Baurecht nicht mit einer Wahl verfällt." Der Liberale sieht nun "den Weg frei für das bedeutendste städtebauliche Projekt der Republik". Er sei allerdings "skeptisch, ob der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann nun glaubwürdig als Projektförderer auftreten kann". Die Gegner von Stuttgart 21 müssten nun einsehen, dass sie nur die Mehrheit der Demonstranten auf ihrer Seite hätten, nicht aber die Mehrheit der Bürger im Land. Zu der Ankündigung des Stuttgarter Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, das Land werde sich unter keinen Umständen an eventuellen Mehrkosten beteiligen, sagte der FDP-Politiker: "Es dürfen jetzt nicht gleich neue Brandmauern aufgebaut werden."

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Kommentare (10)
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NOV
29
Empörter, 17:54 Uhr

Bundesverkehrsminister Ramsauer

"kritisierte, dass Projektgegner falsch informiert und zum Teil gelogen hätten." Und wer - bitte schön - hat im April behauptet, die Neubaustrecke sei auch ohne S21 möglich (siehe z.B. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stuttgart-21-ramsauer-macht-zugestaendnisse.62322d68-568b-492e-8190-603f68c51cf2.html oder http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.neubaustrecke-wendlingen-ulm-ramsauer-bringt-neue-variante-ins-spiel.82fc5055-634c-408a-b024-08a9d4d14b3d.html oder http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,754580,00.html oder http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,754660,00.html)? Kurz vor dem Volksentscheid behauptet Hr. Ramsauer wiederum, S21 und die NBS seien untrennbar miteinander verbunden (hier dürfte ein Link langen, das ist den Meisten ja noch gut im Gedächtnis: http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/ueberregional/alles-zum-bahnprojekt-stuttgart-21_artikel,-Ramsauer-S-21-und-Neubaustrecke-untrennbar-verbunden-_arid,153858.html). Das sind zwei entgegensätzliche Aussagen zu exakt demselben Thema. Folglich hat Ramsauer als Projektbefürworter(!) mindestens einmal falsch informiert oder (ob nun zum Teil oder ganz und gar) gelogen! Ooopsi ... da hat man Sie doch glatt ERWISCHT, Hr. Ramsauer! Über Andere beschweren sollte man vielleicht doch lieber nur, wenn man nicht wie Sie offenbar das Gleiche tut, was man - und auch noch an der selben Stelle - Anderen vorwirft. Derartiges Verhalten nennt man im Volksmund übrigens 'scheinheilig', auch bei Ihnen in Bayern!

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NOV
28
Stuttgarter, 22:09 Uhr

Auf dem Rücken der Stadt Stuttgart

Jetzt kommen Sie aus ihren Löchern, die schlauen Berliner Christdemokraten und Liberalen, und erklären uns Stuttgartern, was gut für unsere Stadt ist. Heute im Radio minutenlang: Lindner von der FDP. Ich bin froh, dass es sie gibt. Sonst wüsste ich nicht, was gut für meine Stadt ist.

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NOV
28
fribo, 15:24 Uhr

Städtebauminister Ramsauer

Herr Ramsauer, der den S21-Gegnern Lüge vorwirft, ist selbst mit seinem Einsatz für den Tiefbahnhof völlig unglaubwürdig. Nicht umsonst gibt der Bund keinen einzigen Euro für den eigentlichen Tiefbahnhof, sondern nur 560 Millionen für das daran hängende Teilstück der Neubaustrecke bis Wendlingen. Und das aus gutem Grund: Der Tiefbahnhof selbst ist gar kein Projekt des Bundes, denn er bringt für den Schienenverkehr nichts. Es wurde auch kein Nutzen-Kosten-Verhältnis dafür berechnet, wie für Projekte des Bundesverkehrswegeplanes üblich. Dass Ramsauer sich als Verkehrsminister so für die städtebauliche Entwicklung Stuttgarts stark gemacht hat, hat nichts mit verkehrlichen Notwendigkeiten zu tun, sondern nur mit parteitaktischem Kalkül (gepaart vielleicht mit der Freude, dass Land und Stadt für die Modernisierung eines Bahnhofs zahlen, für die eigentlich der Bund zuständig wäre). Schade nur, dass der ganze Bahnverkehr im Land darunter leiden wird !

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