Berlinale-Auftakt Kapitalistische Raubritter und schwule Priester

Martin Schwickert, 08.02.2013 19:01 Uhr

Stuttgart - Mit der Verpflichtung des chinesischen Filmemachers Wong Kar Wai als Jurypräsident ist Berlinale-Chef Dieter Kosslick ein doppeltes Schnäppchen gelungen. Denn das Festival kann sich nicht nur mit einem international hochangesehenen Filmkünstler Asiens schmücken, sondern bekam gleich mit Wongs „The Grandmaster“ einen veritablen Eröffnungsfilm frei Haus mitgeliefert. Dabei ist Wong Kar Wai normalerweise Stammgast in Cannes. Seine letzten vier Filme hatten beim angesehenen Festival an der Côte d’Azur Premiere – darunter auch das gefeierte Meisterwerk „In the Mood for Love“ (2000). Dennoch ist der in Shanghai geborene und in Hongkong aufgewachsene Regisseur schon lange mit dem Berliner Festival verbunden. Schließlich wurde sein Frühwerk „As Tears go by“ (1988) in den legendären Mitternachtsvorstellungen des Berlinale-Forums erstmals einem westlichen Publikum zugänglich gemacht.

Der schönste Beinahe-Kuss der Filmgeschichte

In den letzten sechs Jahren war es still geworden um den Kultregisseur. Mit seinem neuen Werk „The Grandmaster“ besinnt sich Wong Kar Wai wieder auf seine kulturellen und filmhistorischen Wurzeln. Der historische Martial-Arts-Film erzählt die Geschichte des Kung-Fu-Meisters Ip Man (Tony Leung), bei dem Bruce Lee in die Lehre ging, bevor er zur internationale Ikone des Kampfkunstkinos aufstieg.

In den dreißiger Jahren blüht die Martial-Arts-Kultur in China, als die Invasion ­Japans das Land erschüttert. Ip Man, ein Sohn wohlhabender Eltern, verliert Haus, Vermögen und seine beiden Töchter im Krieg und muss in den fünfziger Jahren in Hongkong als Kung-Fu-Lehrer ganz von vorne anfangen. Ins Biografische eingeflochten ist eine verhaltene Liebesgeschichte zwischen Ip Man und der Tochter des Großmeisters Gong Er (Ziyi Zhang), die ebenfalls eine begabte Kampfkünstlerin ist. In einem Wettkampf messen die beiden ihre Fähigkeiten aneinander, und während die Körper durch das Treppenhaus eines Nobelbordells wirbeln, streifen ihre Gesichter in Zeitlupe ganz dicht aneinander vorbei: einer der schönsten Beinahe-Küsse der Filmgeschichte.