Berlinale Die Entdeckung der Langsamkeit

Von  

Die Welt der Nachrichten wird immer lauter, schneller, schriller. Pushnachrichten jagen einander, Thesen gehen in die Steilkurve. Die Medien stecken in einer Glaubwürdigkeitskrise. Es ist wohl kein Zufall, dass der Dokumentarfilm einen Aufschwung erlebt.

Dokumentarfilme leben davon, Schicksale zu erzählen – so wie das dieses afghanischen Flüchtlings, gestrandet in Griechenland. Foto: Berlinale (2), Ute Klophaus zeroonefilm/ bpk
Dokumentarfilme leben davon, Schicksale zu erzählen – so wie das dieses afghanischen Flüchtlings, gestrandet in Griechenland. Foto: Berlinale (2), Ute Klophaus zeroonefilm/ bpk

Berlin - Eine alte Frau im beigefarbenen Mantel, das silbrige Haar hastig zusammengesteckt, sie hat nicht mehr viel Zeit. Die Kamera zeigt ihr Gesicht, zeigt ihre Augen, in ihren Zügen die Angst, die Wut, die Mühe, einen Rest an Fassung zu bewahren. „Sie haben unser Land verkauft!“, ruft sie. Wir sind in Athen.

Oder besser gesagt, Sylvain L’Esperance ist in Athen. Zwei Jahre lang hat der kanadische Dokumentarfilmer hier zur Krise des Landes recherchiert, und was er fand, während er an den Rändern der griechischen Gesellschaft suchte, das war eine Mischung aus Armut, Verzweiflung, Widerstand und Hoffnungslosigkeit. Meist im Dämmerlicht streift L’Esperances Kamera durch die Straßen, lässt Menschen zu Wort kommen: protestierende Putzfrauen, einen Arzt, der bis zur Erschöpfung Kranke behandelt, Geflüchtete im Dschungel der Stadt und jene einzelne Abgeordnete, die immer wieder ein Wort sagt, als die Vorgaben der Troika in Gesetze gegossen werden: „Oxi.“ Nein. „Combat au bout de lanuit“, heißt dieser dunkle Dokumentarfilm, gezeigt wird in der Tat eine verlorene Schlacht. Und eine vergessene. Nur selten noch sind die Kameralinsen auf Griechenland gerichtet, die Nachrichtenkarawane lagert längst woanders.

Mehr als 90 Dokumentarfilme laufen bei der Berlinale

285 Minuten Zeit verlangt der Filmemacher seinen Zuschauern ab. Das sind fast fünf Stunden „direct cinema“, ohne Einspieler, ohne Kommentar, ohne Erklärung – und ohne den Tweet der Second-Screen-Gemeinde auf dem mobilen Endgerät. Der Film hat dieser Tage auf der Berlinale seine Weltpremiere gefeiert – er ist eines von mehr als 90 dokumentarischen Werken, die im offiziellen Programm des weltweit größten Publikumsfestivals laufen. Zum ersten Mal wird in diesem Jahr ein eigener Preis für den besten Dokumentarfilm vergeben, und er ist – unüblich für ein Festival – dotiert mit 50 000 Euro. Weltweit erlebt seit einiger Zeit die dokumentarische Form einen Aufschwung. Die Zahl der Produktionen steigt stark, die künstlerische Bedeutung scheint zu wachsen: Im vergangenen Jahr errang „Fuocoammare“ in Berlin den Goldenen Bären – ein Film, der mit unerträglicher Ruhe den Alltag und das Elend der Geflüchteten auf Lampedusa zeigt.

Was kann ein Dokumentarfilm leisten in einer Zeit, in der die Welt der Nachrichten immer aufgeregter ist, in der Pushnachrichten und Liveticker den Tag zerhacken und in der jeder noch so windige Youtuber mit hoher Reichweite alles Mögliche behaupten kann? Es ist wohl zum einen die Entdeckung der Langsamkeit, das Sichzeit-nehmen – zum Hinsehen und auch fürs Erklärkino, wenn die sogenannte Weltöffentlichkeit sich abgewandt hat. Aber da ist noch etwas anderes. Die Nachrichtenmedien stecken in einer Glaubwürdigkeitskrise, und seit in den USA Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, ist die Umdeutung dessen, was die Mehrheit bisher für Fakten hielt, zum Regierungsgeschäft geworden. Das lässt das ohnehin wachsende Gefühl, von Medien manipuliert zu werden, stärker werden – und die Sehnsucht nach Werken, die eine Art Gegenöffentlichkeit herstellen. Ein Beispiel dafür ist der Dokumentarfilm „Zero Days“ über Cyberkrieg, der 2016 im Berlinale-Wettbewerb lief.

Die Nachrichtenmedien in der Glaubwürdigkeitskrise