Berlinale
Mit dem Glamourbeutel gepudert
Katja Bauer,
02.02.2010 07:00 Uhr
Die Plakate hängen, und das typische Berlinale-Wetter ist auch schon da. Foto: ddp
""Ich gehe nicht zelten mit George Clooney.""
Dieter Kosslick über Schein und Sein
Herr Kosslick, erst mal alles Gute zum runden Geburtstag!
Danke. Für mich ist das jetzt schon der zweite in den letzten zwei Jahren. Ich bin ja schon sechzig geworden. Von daher bin ich sehr erfahren, so etwas zu feiern. Eigentlich muss man ja auch nicht mir, sondern dem Publikum der Berlinale gratulieren. Die haben sechzig Jahre durchgehalten und strömen in größerer Zahl denn je zu diesem Festival.
Wie feiern Sie denn?
Da habe ich die Lehre aus meinem eigenen Geburtstag gezogen: Es hat keinen Sinn, wenn man nur zurückblickt, obwohl das ja auch sehr schön ist. Das tun wir auch mit einer Retrospektive und vor allem mit der zweiten Welturaufführung von "Metropolis", 83 Jahre nach der ersten. Das ist unser Festakt: wir feiern die Weltpremiere im Friedrichsstadtpalast mit der musikalischen Begleitung des Rundfunk-Symphonieorchesters und übertragen diese zudem als Public Viewing ans Brandenburger Tor. Und dann sagen wir auch noch auf eine besondere Art Danke - wir gehen in zehn Kiezkinos Berlins, denn in diesen Kinos wird die Filmkultur übers Jahr aufrechterhalten, und spielen dort Berlinale-Filme mit einem kleinen roten Teppich.
Wenn Sie nach vorn blicken, wie sieht das Kino von morgen aus?
Im Moment sehen wir die positive Folge der Digitalisierung - derzeit lockt "Avatar" die Menschen in Scharen in die Kinos. Wir stellen uns aber bei der Berlinale diesmal auch die Frage nach der Architektur und Funktion von Kinos. Gibt es da weiterhin den formaldehydverseuchten Teppichboden, oder kann man auch ein Kino aus nachhaltigen Materialien bauen? Welche Aufgabe haben eigentlich Kinos in der Stadtarchitektur, ist ihr Bau wirklich nur Privatsache, oder ist es auch eine öffentliche Aufgabe bei der Stadtplanung?
Die Berlinale ist seit zehn Jahren am neu gebauten Potsdamer Platz zu Hause, einem Beispiel für ein privates "urban entertainment center", dem Kritiker die Privatisierung des öffentlichen Raumes vorwerfen.
Ja, und daraus kann man natürlich lernen.
Was denn?
Erfahrungen.
Ihr Festprogramm klingt ehrlich gesagt ein bisschen nach arm, aber sexy. Hatten Sie nicht an ein wenig Glamour gedacht, bei so einem Jubiläum?
Ich versteh das nicht so ganz. Ich bin ganz sicher, es wird genügend Glamour geben für ein Geburtstagsfest. Wir wollen aber auch nicht vergessen, in welcher Zeit wir leben und andere Leute leben. Da muss man die Balance einigermaßen halten. Das heißt ja nicht gleich, dass es unglamourös wird. Es ist eben nur eine andere Art von Feier. Es gibt auch was zum Nachdenken, Diskussionen und auf jeden Fall sehr schöne Filme.
Werden eigentlich Ihre Kollegen in Cannes und Venedig auch immer mal wieder nach den Stars gefragt?
Nein. Ich glaube zwar, das ist eine grundsätzliche Frage von Festivals, aber irgendwie entwickelt sich da eine verschärfte Leidenschaft in Berlin.
Wie kommt das bloß?
Ich habe dazu inzwischen zwei unterschiedliche Analysen abgegeben, beide kamen nicht gut an. Aber mir fällt eben nichts dazu ein: Vielleicht hängt es mit dem grauen Star einiger Leute zusammen, die die Berlinale ansehen. Oder sie sind alle mit dem Glamourbeutel gepudert.
Sie gelten als Meister der Red-Carpet-Show. Es sieht immer so aus, als seien Sie mit den ganz großen Stars ganz dick befreundet. Ist das so?
Nein, das sind keine wirklichen Freundschaften. Ich bin der Direktor des Festivals, also verantwortlich für Programm und Finanzen. Ich habe mit sehr vielen Leuten eine sehr gute Beziehung. Wenn ich zum Beispiel nach New York fliege, dann geh ich schon mal mit Frances McDormand essen. Aber ich bin mit keinem dick befreundet. Ich würde nicht mit George Clooney zusammen an den Plattensee zum Zelten fahren. Das geht auch gar nicht. Wir haben beim Festival eine Nähe, die entsteht aus der Situation.
Wenn Sie so zurückblicken auf die Anfänge des Festivals und auf heute, was war der Sinn eines Festivals damals, was ist das Ziel der Berlinale heute?
Gott sei Dank ist der Sinn heute ein anderer als vor sechzig Jahren. Da war die Berlinale im Kalten Krieg. Das Festival hatte die Funktion, die Isolation zu sprengen, und es war auch ein Teil der Propagandamaschine, ein "Schaufenster des Westens". Das Hansaviertel, der spätere Zoopalast und das Bikinihaus waren alles Teile einer Architektur gegen die der Stalinallee im Osten. Den Kampf sah man auch dem Programm an, es gab Propaganda auf beiden Seiten.
Und was ist die Funktion der Berlinale heute?
Bei dieser gigantischen Medienvielfalt und Technologisierung ist dem Festival eine neue Funktion zugewachsen; es geht um eine kuratorische Leistung. Das Auswählen, das Thematisieren von Dingen und das Ziehen von Verbindungen ist unsere Aufgabe. Die Menschen müssen ständig aus einer ganzen Menge "Spam" aussortieren. Sie kommen gern zu uns, weil ihnen hier jemand ein sehr großes Angebot macht, aus dem sie auswählen und gleichzeitig darauf vertrauen können, nicht total enttäuscht zu werden. Es gibt jemand, der ihnen einen anderen als den eigenen Blick auf die Welt anbietet. Das ist auch eine künftige Funktion von Festivals.
Wie wichtig ist da noch der Wettbewerb?
Der Wettbewerb ist für die Kritiker immer noch die Königsdisziplin. Daran misst sich alles, auch weil es überschaubar ist. Aber natürlich präsentieren wir die Filme, von denen wir glauben, dass es die besten sind, im Wettbewerb. Es gibt auch filmpolitische Elemente - diesmal ist die Hälfte der Filme von Leuten, die schon mehrfach bei der Berlinale waren. Denn zum Geburtstag gehört auch, dass man die Familie einlädt. Und Familie ist gleichzeitig das Leitthema der ganzen Berlinale in diesem Jahr.
Sie haben gesagt, nach der chinesischen Zahlenmystik sei mit der sechzig ein Zyklus abgeschlossen. Das bedeutet: nächstes Jahr kommt was Neues. Was wird das sein?
Nach dieser Mystik heißt das, es ist jetzt erst mal ein Kreislauf beendet. Wir haben einen chinesischen Sponsor, deshalb sage ich auch immer was für unser chinesisches Publikum. Natürlich weiß ich, dass das Jahr des Tigers kommt und dass ich die Ratte bin und dass wir das Jahr des Rinds verlassen. Also: auf zu neuen Ufern.
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