Bertolt Brecht und Helene Weigel Legendäre Künstlerehe

Cornelia Krauß, 14.12.2012 12:08 Uhr

Stuttgart - Als er Helene Weigel kennenlernte, war Brecht bereits Vater eines unehelichen Sohns und einer ehelichen Tochter und war für den Kleistpreis nominiert. Durch die Vermittlung Arnolt Bronnens lernte er die Schauspielerin kennen, als er sie dann kurz darauf heiratete, revoltierten einige Mitarbeiterinnen seiner weiblich dominierten Schreib­­werkstatt.

Heute, knapp sechzig Jahre nach Brechts Tod, sind die künstlerischen Ergebnisse dieser Theaterallianz bereits analytisch differenziert und dokumentiert worden. Die Ehetauglichkeit des polygamen Brecht und Helene Weigels Durchhaltetaktiken wurden in einer Reihe von Studien kompetent aufgearbeitet. Aber die ganz persönlichen Töne dieser legendären Künstlerehe, wie sie in den jetzt veröffentlichten Briefen zu Tage treten, waren bisher eher unbekannt. Was in den Briefen der großen Brecht-Ausgabe von 1997 noch nicht zu lesen war, liegt jetzt dank neu erschlossenen Archivmaterials endlich vor.

Nach dem ersten Kennenlernen in Berlin benannte der Jungdramatiker mit der Formulierung „HW – zu deutsch Havary“ nicht nur die Anfangsbuchstaben von Helene Weigel, sondern auch das Kräftemessen mit einer Schauspielerin, die sich mit ihm, wie sie einmal später sagte, „zusammenschmiss“ und sich mehr und mehr als Haupt- und Frontfrau in seinem Leben profilierte.

„90 Prozent Nikotin, 10 Prozent Grammophon“

Da sind in den ersten Jahren ständigen Pendelns zwischen München und Berlin seine Klagen über Langeweile in ihrer Abwesenheit und die angewandten Stimulanzien von Geist und Seele. So beschäftigt sich der Bibelleser Brecht mit den Liebenden im Hohelied Salomos oder belebt seine Sinne mit „90 Prozent Nikotin und 10 Prozent Grammophon“ oder mit der Anweisung an sie: „inzwischen mußt Du Deine Haare mit Lavendel waschen / Daß sie riechen“. Wohnungs- und Arbeitsbeschaffung im Rhythmus des Theaterbetriebs und das hierfür nötige Netzwerk von freundschaftlichen Kontakten, das bleiben die vorherrschenden Themen. Brechts strenger Anweisungston lässt nur äußerst wenig Raum für Gefühle. Selten gesteht er ihr außerhalb der Theaterarbeit etwas wie persönliche Anerkennung zu. Erst in Lugano 1933 als Exilant sieht er, „daß Wohnungssuchen eine ziemliche Arbeit war“. Oder 1946 in New York fühlt sich der Autodidakt im Haushalt ihr sehr gewogen, „wenn ich Gläser spüle, daß Du das nun so lange gemacht hast, unter anderm“.

Von ihren Briefen sind jene aus den fünfziger Jahren erfasst, die sie als knappe Mitteilungen der Berliner-Ensemble-Intendantin und Disponentin des erweiterten Familienclans an den künstlerischen Leiter Brecht diktiert, aber sich auch um seine Gesundheit, seine Wohnverhältnisse sorgt. Für Kenner und Liebhaber sind die Briefe eine willkommene Ergänzung des bisherigen Wissensstands. Der frische Blick auf Brecht und die Seinen ist mit diesem ausführlich kommentierten Briefband wieder möglich geworden.