Berufsbild Lizenz zum Zünden

Von Peter Ilg 

Sie gestalten Großfeuerwerke. Pyrotechniker müssen in bunten, lauten und leisen Effekten denken und – vor allem – absolut sorgfältig arbeiten.

Großes Feuerwerk: kurzer Spaß für die Zuschauer mit langer Vorbereitung für den Pyrotechniker. Foto: dpa
Großes Feuerwerk: kurzer Spaß für die Zuschauer mit langer Vorbereitung für den Pyrotechniker. Foto: dpa

Stuttgart - Hoch thront die Johannisburg über dem Main. Etwas unterhalb des Schlosses von Aschaffenburg liegt ein weitläufiger Parkplatz. Der ist am letzten Tag des Volksfests Ende Juni gesperrt. Trotzdem stehen drei Transporter auf dem Platz. Peter Sauer baut mit fünf Mitarbeitern seit dem späten Vormittag das Abschlussfeuerwerk auf. Abends brennt er das Höhenfeuerwerk ab, jagt 420 Kilogramm unterschiedliche Raketen aus Mörsern bis zu 200 Meter in den fränkischen Nachthimmel hinauf. Am Geländer des Parkplatzes zündet er einen Wasserfall. So sagen Pyrotechniker zu diesem klassischen Bild im Feuerwerk, wenn weißes Licht mit hellen Funken nach unten fällt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Mains steht das Publikum und lobt mit „Ah“ und „Oh“ den Flug der Funken, die sich bei ihrem Niedergang verzehren. Nach zehn Minuten ist alles vorbei. Ein kurzer Spaß mit langem Vorlauf.

Eine Berufsausbildung oder ein Studium der Pyrotechnik gibt es nicht. „Ich hab dann halt Betriebswirtschaftslehre studiert, weil ohnehin feststand, dass ich den elterlichen Betrieb übernehmen werde.“ Das ist eine Kunst-Feuerwerk-Fabrik in Gersthofen bei Augsburg. Seit 150 Jahren produzieren und arrangieren die Sauers Feuerwerke. „Von Generation zu Generation haben wir unser Wissen weitergegeben“, sagt Sauer, der das Unternehmen mit sechs festen Mitarbeitern seit acht Jahren leitet. Außerdem beschäftigt er etwa zehn Aushilfskräfte fürs Abbrennen, die alle die Lizenz zum Zünden haben. Die braucht man für Großfeuerwerke.

Lehrgang für den Befähigungsschein

Den Befähigungsschein dafür gibt es nach Teilnahme am Grundlehrgang. Den bieten die Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie sowie Sprengschulen an. Dauer: etwa eine Woche. Kosten: rund 700 Euro. Voraussetzung für die Teilnahme: 21 Jahre, Praktikant bei 26 Großfeuerwerken und eine Unbedenklichkeitsbescheinigung. „Dieser Nachweis der Zuverlässigkeit geht über ein polizeiliches Führungszeugnis hinaus“, sagt Dirk Abolins vom Berufsverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk. In dem Grundlehrgang lernen die Teilnehmer den sicheren Umgang mit Feuerwerk und Zündern sowie die gesetzlichen Regelungen, wann und wo ein Großfeuerwerk abgebrannt werden darf und welche Schutzabstände eingehalten werden müssen.

Abolins schätzt, dass es mehr als 1000 Pyrotechniker in Deutschland gibt, von denen viele ein Gewerbe angemeldet haben, das sie nebenberuflich betreiben. „Weil sie aus Spaß Feuerwerke abbrennen und davon nicht leben müssen, machen sie mit Niedrigpreisen den wenigen hauptberuflichen Firmen der Pyrotechnik das Überleben schwer.“ Ein fest angestellter Pyrotechniker hat in etwa das Gehalt eines Veranstaltungstechnikers und häufig auch diesen Beruf erlernt. Dessen Einstiegsgehalt als Facharbeiter liegt bei rund 2000 Euro monatlich.

Geknallt wird das ganze Jahr über. An Silvester, bei Firmenjubiläen, runden Geburtstagen, Hochzeiten oder Volksfesten wie in Aschaffenburg, das für Sauer eines von 150 Feuerwerken jährlich ist und mit einem Preis von etwa 10.000 Euro sein größtes. Aufgebaut wird es in Abteilungen. Hier Magnesium-Bomben. Die sind hell und bunt. Dort der Goldregen. „Beides zusammen geht nicht, weil man dann vom dunklen Goldregen nichts mehr sehen würde. Der würde im hellen Magnesium untergehen“, sagt Sauer. Er ist für die Gestaltung des Ablaufs und die verwendete Pyrotechnik zuständig. „Es geht darum, die richtigen Effekte zu kombinieren, so dass am Himmel ein gefälliges Bild entsteht.“

Feuerwerk brauche Struktur und ein gewaltiges Ende. Die Mörser, das sind Hülsen aus Glasfaser, stecken in Holzkisten. Die sind beschriftet, wie auch die etwa 800 Feuerwerksbomben, so dass man weiß, welche Bombe in welches Rohr muss. Die Kisten werden mit Eisennägeln im Boden verankert, dann die Abteilungen mit Zündschnüren und pyrotechnischen Verzögerern verbunden. Schließlich werden die Zünder verklebt, so dass sie bei Regen nicht nass werden und bei Funkenflug nicht losgehen. „Unkontrollierte Explosionen und Feuer sind die größte Gefahr.“ Man müsse darauf achten, das gesamte Feuerwerk stets unter Kontrolle zu haben. Dann setzt sich Sauer einen Gehörschutz auf und das Feuerwerk mittels Funkzündanlage in Gang.

In Aschaffenburg kennt sich Sauer aus, das Feuerwerk dort lässt seine Firma seit Jahrzehnten steigen. Da kennt er die Ansprechpartner beim Wasserschifffahrtsamt, die den Verkehr auf dem Main während des Feuerwerks sperren. Und beim Landratsamt wegen des Naturschutzes. Genauso die Zuständigen bei Gewerbeaufsichtsamt, Stadtverwaltung und Polizei. Bevor es krachen darf, müssen einige zustimmen. Und Sauer weiß, dass der Parkplatz den vorgeschriebenen Schutzradius bietet. Der beträgt 80 Prozent der Steighöhe der höchsten Bomben.

An neuen Orten muss er erst klären, ob man dort ein Feuerwerk abbrennen darf und kann. In der Nähe von Altenheimen oder Krankenhäusern wird es nicht gestattet und inmitten eines Dorfes oder einer Stadt reicht der Sicherheitsabstand oft nicht aus. Bei jedem dritten Feuerwerk knallt er im Rhythmus von Musik, zuletzt beim Bürgerfest im Münchner Stadtteil Unterföhring zu vier Titeln aus „Star Wars“, „Games of Throne“ und „Seven Nation Army“ von White Strips. „Ich höre mir die Stücke an, schneide sie zusammen und stelle den Charakter der Musik mit pyrotechnischen Effekten dar.“ Bei leisen Passagen eignet sich das Bild fallender Blätter. Die haben lange Brennzeiten, ein verzögertes Fallen und stehen dadurch lange am Himmel. Laute Bilder sind Chrysanthemen. Das sind Kugelbomben, aus deren Zentrum Goldregen sprüht. Musik verstärkt den Eindruck des Feuerwerks deutlich.