Besenwirtschaft
In Tübingen öffnet nur ein Besen
Michael Petersen,
21.10.2010 08:22 Uhr
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Der über dem Verkehrsschild angebrachte Besen kündet davon, dass derzeit in der Langen Gasse in Tübingen ausgeschenkt wird. Foto: StZ
Anton Brenner verbrachte 1979 in den Bergen der Toskana viele Wochen in einem Weingut. Und dort war die Erkenntnis gereift: "So viel kälter als dort in Italien ist es in Tübingen auch nicht." Also sollte ein Weinanbau mit gutem Ertrag auch in der Heimatstadt funktionieren. "So zum Jux", erzählt er, habe er 1980 den ersten Weinberg erstanden. Das passte in die Lebensphase mancher von der Politik verdrossener junger Leute, von denen einige – wie Brenner 1977 – mit einem Berufsverbot belegt worden waren. Das Landleben übte seine Anziehungskraft aus – Brenner zog nach Wurmlingen.
So zum Jux? – das mag allenfalls für die Anfangszeit des Wengerters Anton Brenner gegolten haben. So testete er später im eigenen Garten 43 Rebsorten. Bis auf eine taugten sie alle nichts. "Die Hybride der ersten neuen Generation wie Regent oder Merzling waren schlechter als die Sorten vor dem Krieg", befand er. Erst mit der zweiten Generation, Brenner nennt den Johanniter, bewege man sich wieder auf dem Niveau der 20er Jahre.
Brenners Weinberg ist gewachsen
Angebaut hat Brenner zunächst Gutedel und Grauburgunder. Dazu brachte er neue Methoden in die Weinberge um Tübingen. Er ließ zwischen den Reben wachsen, was sich dort ausbreitete. Bei den Nachbarn im Weinberg dagegen war alles "sauber gehackt". Und die waren von Brenners Methode gar nicht begeistert: "Waren wir denn hundert Jahre blöd?" soll eine Wengerterin ausgerufen haben. Sie folgt inzwischen Brenners Idee. Statt von Unkraut redet Brenner lieber von "natürlicher Begrünung" oder "Spontanflora". Dann würde das Grünzeugs eher akzeptiert, erklärt er lachend.
Tiefwurzler im Weinberg lockern den Boden auf, der in diesen Weinbergen zur Verdichtung neigt. Hinzu kommt, dass es weniger Arbeit macht. "Die Jungen führen den Weinbau nur weiter, wenn die Belastung sinkt", davon ist Brenner überzeugt. Auch das Spritzen ist in engen Hanglagen, wo Maschinen nicht eingesetzt werden können, sehr aufwendig. Bei den Hybridweinen muss weit weniger gespritzt werden als vielerorts üblich. Und selbst das im Bioweinbau verbreitete Kupfer fehlt. Brenner zitiert gern den Schweizer Weinexperten Pierre Basler, der von pilzwiderstandsfähigen Rebsorten spricht, die dem Echten wie dem Falschen Mehltau trotzen. Der Tübinger zählt zu den Pionieren dieses ökologischen Anbaus.
Aus Brenners Weinberg wurden längst mehrere mit einer Fläche von einem Hektar. Was dort an mit Resistenzpartnern ergänztem Riesling, Cabernet-Sauvignon, Spätburgunder oder der "Roten Kapelle" wächst, wird fast vollständig im Besen ausgeschenkt. "Eine moderne Abfüllanlage lohnt bei einem Hektar nicht", sagt er.
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