Tübingen - Zwei, drei Stufen hinunter in den Gang, dann nach rechts in den Stall. Diesen Weg durch das Tübinger Altstadthaus Haaggasse 22 dürfte der Landwirt öfter gegangen sein. Heute öffnet sich die Tür für ein gemütliches Lokal mit niedriger Decke. Alte, aber auch viele junge Leute nehmen hier Platz. Das freut Anton Brenner. "Die Studenten haben mehr Appetit und durchaus einen guten Zug", sagt er lachend, "die Alten sitzen gern mal vier Stunden vor einem Schoppen."
In der Haaggasse 22 hat in diesen Wochen Tübingens einziger Altstadt-Besen geöffnet. Die Regeln für die vorgeschriebenen Öffnungszeiten gehen auf langjährige Traditionen zurück: "Vier Monate – 40 Plätze". Anton Brenners Sohn David, der die Besenwirtschaft vorwiegend betreibt, hat die Frist aufgeteilt. Zwei Monate vor Weihnachten, zwei vor Ostern. Im Sommer wollen die Leute draußen sitzen, das gäbe nur Ärger mit den Nachbarn.
Die Besenwirtschaften mit Direktvermarktung gibt es in vielen Weinbaugebieten. Das war in Tübingen nicht anders. Dort rühmte sich die Weingärtnerschaft, wie aus Quellen hervorgeht, schon vor Stuttgart Wein angebaut zu haben und ein ausgedehnteres Rebgelände bewirtschaftet zu haben als das von Heilbronn. Auch wenn das übertrieben sein mag, fest steht jedenfalls, dass viele Wengerter in der Altstadt ihre Jahresproduktion im Besen ausschenkten. Die Sorten waren vorwiegend Taylor und Oberlin. Diese sogenannten Hybridreben waren Kreuzungen zwischen mehltauempfindlichen europäischen Reben und pilzresistenten Amerikanerreben. Die Hybriden kombinierten die Qualität der europäischen mit resistenten amerikanischen Sorten.
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Doch amerikanische Reben passten im Dritten Reich nicht mehr zum Gedankengut. Der "Reichsnährstand" verfügte 1937, dass alle Hybridreben aus den Weinbergen herausgehauen werden müssten. "Wer sie nicht freiwillig entfernte, dem wurden sie von den eifernden Antihybridnazis zwei Wochen vor der Reife abgeschnitten und abgesägt", schrieb Brenner in den "Tübinger Blättern". Das sei so ziemlich das Ende des Tübinger Weinbaus gewesen.
Nur zwei Tübinger Weingärtner hatten schon vor dem Krieg in kleinem Umfang Europäerreben gepflanzt. Albert Berthold, einer der Söhne aus diesen Familien, betrieb zwischen 1959 bis 1995 im Lokal des Weingärtner-Liederkranzes neben der Kelter seine Besenwirtschaft. Danach wurde diese Tradition zehn Jahre lang nicht mehr gepflegt. 2005 eröffneten die Brenners ihren Altstadtbesen.