Bestatterin aus Degerloch Die Freundin der Seelen

Von  

Barbara Rolf ist Bestatterin des Jahres 2013. Im Fernsehen und in anderen Medien tritt sie für ein entkrampftes Verhältnis zum Sterben ein.Der letzte Tag des Abschieds soll in ihren Augen ein schöner sein.

Barbara Rolf kniet in der Niederlassung ihres Bestattungsinstituts zwischen Särgen in allen erdenklichen Größen und in unterschiedlichen Farben. Foto: Cedric Behman
Barbara Rolf kniet in der Niederlassung ihres Bestattungsinstituts zwischen Särgen in allen erdenklichen Größen und in unterschiedlichen Farben. Foto: Cedric Behman

Degerloch - Das Leben erscheint Barbara Rolf höchst zerbrechlich. Mit dem Tod sei zu jeder Zeit zu rechnen, sagt sie, und es klingt fast, als gleiche es einem schieren Wunder, am Leben zu sein. Eine Frau, die Tote wäscht, sie ankleidet und nicht davor zurückschreckt, über ihre kalten Wangen zu streichen, wenn es ihr angebracht erscheint, muss einfach so reden, diese Vermutung liegt nahe.

Barbara Rolf – von ihrem Berufsverband jüngst als Bestatterin des Jahres 2013 ausgezeichnet – ist dank ihres Berufs schließlich mittendrin im Sterben der anderen. Während die Gesellschaft der Vergänglichkeit am liebsten davonlaufen würde, lässt Barbara Rolf die Endlichkeit des Menschen so nahe an sich ran, wie es nur möglich ist. „Ich habe gelernt, den Tod zu umarmen“, sagt sie, und aus ihrem Mund klingt das nicht einmal pathetisch.

Der Tod kennt keinen Feierabend

Der gefürchtete Gevatter mit der Sense besorgt ihr – makaber ausgedrückt – schließlich täglich das Geschäft, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdient. Barbara Rolf lebt sogar mittlerweile in ihrem Bestattungsinstitut am Bruno-Jacoby-Weg in einer Loftwohnung. Weil ihr Handy zu jeder Tages- und Nachtzeit klingeln könnte, sagt sie. Der Tod kennt eben keinen Feierabend, und gestorben wird auch nach Mitternacht oder in den Morgenstunden.

Hinter Barbara Rolfs Erstaunen über die Selbstverständlichkeit, mit der andere Menschen ihr Leben leben, als gäbe es kein Ende, steckt aber mehr als die Berufskrankheit einer Frau, für die der Tod vertrauter Teil der täglichen Routine geworden ist. Es ist Teil ihrer Lebenserfahrung, dass sich der Tod heranschleichen kann wie ein Raubtier auf der Lauer.

Rolf wirkt selbst ein bisschen wie ein mystisches Wesen

1997 nahm sich Barbara Rolfs Bruder das Leben. Rolf redet heute offen über seinen Freitod, als wäre die Wunde auf der Seele geheilt. „Ich habe mich mit dem, was passiert ist, versöhnt.“ Doch der Weg heraus aus dem Schmerz war weit. Er führte zunächst in die Verzweiflung, in eine Zeit, in der, wie Rolf es ausdrückt, alles von den Füßen auf den Kopf gestellt war. „Der Tod erschien mir damals als Allesvernichter“, sagt sie. Die Tatsache, dass sie, die 1976 geborene Theologiestudentin, einen Glauben hatte, half allein nicht gegen das Entsetzen, dass der geliebte Bruder für immer verloren war. Barbara Rolf entschied sich, es mit dem „Allesvernichter“ aufzunehmen. Sie las alles, was sie zu dem Thema fand – sogar am Strand im Türkei-Urlaub, sagt sie. Dann kamen Praktika bei Bestattern in ihrer Heimatstadt Freiburg und letztlich die Entscheidung, selbst einen Beruf zu ergreifen, der vielen Menschen Gänsehaut bereitet. Eine gewisse Aura umgibt die schlanke Frau mit den kurzen Haaren. Sie hat zwei Katzen, die mit ihr in der Loftwohnung leben. Während sie Kaffee macht, lässt sie eine Bemerkung darüber fallen, dass die alten Ägypter die Tiere als mystische Wesen verehrt haben. Passende Begleiter für eine Bestatterin. Vielleicht sagt sie das nur so daher, vielleicht ist sich Rolf auch bewusst, wie sie auf andere wirkt: selbst ein bisschen wie ein mystisches Wesen.

Der Tag des letzten Abschieds sollte ein schöner sein

Barbara Rolf redet offen darüber, dass sie in ihrem Beruf übersinnliche Erfahrungen gemacht hat. Als Christ gehört es zwar zum guten Ton, von einem Leben nach dem Tod zu sprechen. Doch selbst für Gläubige handelt es sich nicht selten um ein abstraktes und letztlich wohlfeiles Bekenntnis. Ganz anders hört sich das bei Barbara Rolf an. Ein Kollege und sie hätten einmal einen Leichnam in Augenschein genommen. „Der Mann wirkte noch so präsent, dass mein Mitarbeiter und ich erschrocken sind. Wir dachten, er fängt gleich an zu atmen“, sagt sie. Bei anderen Toten sei dagegen nur noch die körperliche Hülle da. „Das sind diejenigen, die gerne gehen wollten“, sagt Barbara Rolf.

Im vergangenen Jahr hat der Südwestrundfunk sie bei ihrer Arbeit begleitet. Der Film hatte den Titel „Die mit den Toten spricht“. Tatsächlich redet Rolf sanft mit den Toten – wie eine Freundin der Seelen. Vielleicht erfährt sie so das Nötige, um bei Beerdigungen den Verstorbenen und ihren Angehörigen gerecht zu werden. Beerdigungen sind für sie ein Ritual, das Trostlosigkeit in Trauer verwandelt. „Die Angehörigen können etwas gestalten, das hilft“, sagt Rolf. Manche zimmern sogar den Sarg für den oder die Verstorbene oder waschen den Leichnam selbst. Barbara Rolf macht möglich, was den Tag des Abschieds zu etwas Besonderem macht. Der Tag des letzten Abschieds sollte ein schöner sein, sagt sie. Denn der Tod sei zwar entsetzlich traurig, aber entsetzlich sei er nicht.

Sonderthemen