Bestechungsverdacht bei Daimler-Zulieferer Wenn ein Verdacht die ganze Firma gefährdet
Andreas Müller, 25.01.2013 11:03 Uhr
Ein Daimler-Zulieferer steht wegen Bestechung in der Kritik.Foto: dpa
Stuttgart - Der Abschiedsbrief des Chefs an die Belegschaft blieb seltsam vage. Man habe „eine bewegte Zeit erlebt“, die „durch viel Unsicherheit geprägt war, durch viele Veränderungen und viele Fragen“ – nämlich solche „nach der Zukunft und der Perspektive der Unternehmensgruppe“. Auch für ihn selbst, als Gesellschafter und „ganz persönlich als Mensch“, sei „diese Zeit nicht einfach gewesen“. Aus Verantwortung für Firma und Mitarbeiter habe er nun entschieden, sich „aus der Führung der Firmengruppe komplett zurückzuziehen“. Dies werde „dem Unternehmen helfen, zu alter Stärke zurückzufinden“. Seine Aufgaben übernähmen zwei der bisherigen Geschäftsführer, die sein „vollstes Vertrauen“ genössen. Mit der neuen Führung habe die Gruppe „ganz neue Möglichkeiten“, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Der letzte Satz las sich fast ein wenig sentimental: „Es hat mir immer viel Freude bereitet, gemeinsam mit Ihnen Ideen zu verwirklichen.“
Im Daimler-Vorstand ist Christine Hohmann-Dennhardt für Compliance, also Regeltreue, zuständig.Leif Piechowski
Den eigentlichen Grund des Rückzugs benannte der langjährige geschäftsführende Gesellschafter nicht: Es ist ein Korruptionsverdacht, der auf ihm persönlich und auf der in der Region Stuttgart ansässigen Firmengruppe lastet, die innovative Lösungen im Bereich der Umwelttechnik anbietet und an mehreren Standorten einst 500 Mitarbeiter beschäftigte. Auf namentliche Nennung bitten ihre Anwälte, zum Schutz der Arbeitsplätze, „dringend zu verzichten“. Der Schaden ist schon groß genug, seit der Daimler-Konzern den Zulieferer 2010 bei der Staatsanwaltschaft anzeigte, alle Aufträge sperrte und Ermittlungen unter anderem wegen Bestechung im geschäftlichen Verkehr anliefen.
Die Firmengruppe erhält einen neuen Namen
Dieses Verfahren sei auch der Grund, weshalb der Chef „alle operativen Funktionen“ abgegeben habe, bestätigen die Anwälte. Nachdem es voriges Jahr durch Medienberichte bekannt wurde, sei es nämlich „zu erheblichen Beeinträchtigungen der Beziehungen zu Kunden und Mitarbeitern“ gekommen. Aufgrund der inzwischen strengen Regeln für ein sauberes Geschäftsgebaren, so ihre Sorge, könnten bestehende Aufträge gekündigt werden oder neue Bestellungen ausbleiben.
Um den Neubeginn zu unterstreichen, wird die Firmengruppe nun sogar umbenannt. An die Stelle des Familiennamens des Gründers tritt ein neutraler Kunstname. Wer die alte Internetseite aufruft, wird auf eine neue umgeleitet, die sich noch „im Umbau“ befindet. Im Handelsregister ist die Umfirmierung – eine aufwendige Angelegenheit – bereits vollzogen. Sie habe „mit den laufenden Ermittlungen nichts zu tun“, behaupten die Anwälte, sondern sei die Folge einer geplanten Neuausrichtung. Intern und gegenüber Kunden wurde der Namenswechsel indes mit dem „Rückzug des Gesellschafters“ begründet, der wiederum wegen des Verfahrens erfolgte.
Daimler hatte die Staatsanwaltschaft eingeschaltet
Noch ist der Korruptionsvorwurf, den die Firmengruppe bestreitet, nicht bewiesen oder Anklage erhoben. Doch der Fall zeigt exemplarisch, welch weitreichende Folgen für ein Unternehmen schon ein konkreter Verdacht haben kann. Aufgebracht wurde dieser einst durch einen Informanten, der sich an Daimler wandte. Dort wurden die Hinweise überprüft und als so stichhaltig angesehen, dass der Konzern die Justiz einschaltete. Seither ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen sechs Personen – den einstigen Chef des Zulieferers, vier Verantwortliche bei Daimler und eine Ehefrau. Es geht um Bestechung und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr, Untreue und Steuerhinterziehung. Bereits 2011 gab es bei mehreren Beschuldigten Durchsuchungen.
Der Verdacht laut einer Behördensprecherin: Bei Daimler sei der Zulieferer gegenüber anderen, günstigeren Mitbietern bevorzugt worden, die zuständigen Mitarbeiter hätten sogar wissentlich überhöhte Angebote und folglich auch aufgeblähte Rechnungen akzeptiert. Die Gegenleistung soll unter anderem in Aufträgen für eine Werbeagentur erfolgt sein, die einst der Ehefrau des Projektleiters bei dem Autokonzern gehörte. Diese habe Rechnungen über Dienstleistungen für den Zulieferer gestellt, die in Wirklichkeit nie erbracht worden seien. Auch den Kauf einer Villa und einen gut dotierten, womöglich fingierten Beratervertrag schauen sich die Ermittler genauer an. Der nach wie vor bei Daimler beschäftigte Projektleiter verwies im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung auf seine Anwälte, die auf mehrere Anfragen jedoch nicht reagierten.
- Wenn ein Verdacht die ganze Firma gefährdet
- Seite 2: Die Anwälte beklagen eine „Anschwärzungskampagne“



bekien
dann hätte also daimler stillhalten sollen? keine anzeige? kein rausschmiss?
@tsabg, 14:27 Uhr: Leider zu oberflächlich gedacht
jetzt um 18:20h sind erst 5 Kommentare sichtbar. Ich muß den Vorrednern jedoch zum Teil widersprechen. Zuerstmal: Ich war selbst einer der Mitarbeiter jener Firmen im o.g.Artikel, die in den Jahren 2005-2007 durch die Korruption des Daimler-Mitarbeiters mit der Harley in Schwierigkeiten gerieten. Ich weiß also was vorgefallen ist und kenne die Beteiligten. Das war für uns Mitarbeiter damals alles andere als witzig, daß die Firma in der Folge weniger Aufträge, nicht nur bei Daimler, bekam. Urlaubs- und Weihnachtsgeld wurde per Einzel-Arbeitsvertragsänderung gestrichen. Mitarbeiter, hauptsächlich von den Gewerblichen wurden reihenweise gekündigt. Die Firma ging dann in der Folge ein Jahr später in Konkurs, nach rund 130 Jahren bestehen. Sie können versichert sein, daß wir um den Erhalt der Arbeitsplätze gekämpft haben. Aber wenn das Firmenkonto leer ist, geht nichts mehr. Und hier ist genau der Knackpunkt: Was die Vorredner als Korruption in Deutschland -berechtigt- an den Pranger stellen, ist nur die eine Seite der Medaille. Bei manchen Branchen wie Schienenhersteller, Waschmittelproduzenten oder Tunnelbohrsystemlieferanten mag sowas als nettes Mittel zur Gewinnmaximierung dienen, wenn es denn unentdeckt bleibt. Die Branche der technischen Gebäudeausrüstung ist sich (wie man möchte, zum Glück oder leider) nicht einig. Das bedeutet, es gibt keine Preisabsprachen im Weinberghäusle, vielmehr macht man sich durch Rabattschlachten bei den Auftragsverhandlungen die Preise gegenseitig kaputt. Jede kleine Autowerkstatt hat höhere Stundensätze als diese Branche. Es sind letztendlich die Bauherrn, die die Unternehmen gegeneinander ausspielen. Da wird von Bauherrenseite jeder noch so schmerzliche Nachlaß herausgepresst. Ich spreche hier nicht von den Aufträgen in Einfamilienhäusern, sondern im Industrie- und Objektbereich. Fragen Sie mal, zu welchen Konditionen die Aufträge im neuen ECE-Center am Bahnhof vergeben wurden, welcher Stundensatz im Gerberviertel gezahlt wird. Der o.g., der dieses Jahr die Geschäftsführung abgegeben hat, hat es maßlos übertrieben. Fraglos. Das Problem ist jedoch, daß die großen Bauherrn überwiegend nicht gewillt sind, für gute Arbeit einen gerechten Lohn zu zahlen. Lieber wird für die Investoren der Gewinn maximiert (z.B. ECE), oder im Industriebereich ist das Projektbudget zu niedrig angesetzt. Aber es soll trotzdem so viel wie möglich realisiert werden. Dann geht es auf Kosten der Fachunternehmer. Es gibt immer wieder welche, die wie der o.g. auf diese Art doch noch einen Gewinn einfahren wollen und dann die Bremse nicht mehr finden. Das ist jedoch in der Branche bei weitem nicht die Regel. Kennen Sie hier mittlere und große Firmen aus der Branche, die in der Lage sind, diese großen und anspruchsvollen Aufträge abzuwickeln und sich vor lauter Gewinn einen Palast nach dem anderen hinstellen? Eher nicht ! Wenn Sie wollen, daß im Krankenhaus saubere Luft im OP ist oder die Fernwärme zuverlässig in der Stuttgarter Innenstadt die Verbraucher erreicht, dann ist es nur korrekt, daß hier die Fachunternehmen auch gerecht entlohnt werden. Und da passt es nicht ins Bild, wenn man als z.B. Kommune die Krankenhäuser oder Versorgungsnetze privatisiert. Die neuen Betreiber müssen Gewinn machen, auf Kosten aller anderen. Und ohne das 'braucht' es (überspitzt gesagt) auch kein Extrageld, um seinem Unternehmen die Zukunft zu garantieren.__________Was mir noch einfällt: die größte Korruption sind doch die völlig legalen Parteispenden: Wenn z.B.die Fa. Herrenknecht hohe 5-stellige Beträge an CDU,FDP und SPD überweist und diese dann wie von Gottes Hand gelenkt sich einstimmig für irgendwelche dummen Tiefbauprojekte in Stuttgart und dem Land BW aussprechen, was ist das dann? In diesem Sinn: Jobs erhalten und oben bleiben.
Korruption bei Daimler
Das ist nichts neues, schon seit 'Urzeiten' verlangen!!!!! und bekommen die Personen die für Auftragsvergabe zuständig sind von Auftragnehmern bei Daimler ca. 10% des Rechnungswertes und dürfen diese 10% dann dem Konzern in Rechnung stellen! Auch der Hinweis auf eine Videokamera und dergleichen erfolgt hierbei! Das st aber nicht nur bei Daimler Benz so, auch bei anderen Firmen z.B. dem Spülenhersteller Blanco ist das so!! Aber nicht nur die mittlere Führungsebene lässt sich gerne bestechen - welch böses Wort - auch die hochrangigen Manager lockt die Kohle wie man bei Siemens sehen konnte! Am anfälligsten sind Politiker, die durch Versprechen ihrer Lobby nach einem Job nach der Politkarriere sogar das Deutsche bescheissen und dafür auch noch wenig Rente beziehen! Lieb Vaterland magst ruhig sein..................!