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Betreutung von Polizisten und Soldaten Mit Schrecklichem leben lernen

Harald Beck, vom 10.03.2010 08:26 Uhr
Stefan Kahnmeyer bietet Lebenshilfe in Konflikten und Krisen. Foto: Stoppel
Stefan Kahnmeyer bietet Lebenshilfe in Konflikten und Krisen. Foto: Stoppel
Weinstadt - Nach einem Einsatz traumatisiert und auf Hilfe angewiesen - Anja K. (Name geändert) ist eine derjenigen, die deswegen Hilfe bei Stefan Kahnmeyer gesucht haben. Einem Mann, der selbst zehn Jahre lang im mobilen Einsatz bei Polizei und Bundeswehr aktiv gewesen ist und der sich jetzt als zertifizierter Familien- und Paartherapeut auch auf den Bereich der Traumabewältigung spezialisiert hat. Soldaten, Polizisten, aber auch Privatpersonen kämen in seine Praxis Neues Leben im Weinstädter Ortsteil Endersbach (Rems-Murr-Kreis), sagt der 45-Jährige. Soldaten, die traumatische Erlebnisse etwa bei Terrorangriffen gehabt haben, fahren teils aus weiter Entfernung hierher. Bei der Betreuung von Polizisten nach dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen (Kreis Esslingen) ist Kahnmeyer vor Ort gewesen.

Die 34-jährige Anja ist seit zwei Jahren krank geschrieben. Sie hat einst zu den Polizisten gehört, die in Kabul für den Schutz der deutschen Botschaft zuständig waren. Bei einem Bombenanschlag ist sie verletzt worden, ihr Knöchel ist teils unbeweglich geblieben. Inzwischen ist sie körperlich und seelisch wieder soweit hergestellt, dass sie am Schreibtisch den Dienst wieder aufnehmen könnte. Doch statt einer neuen Aufgabe hat sie vom staatlichen Dienstherren die Kündigung erhalten. Kahnmeyer hat ihr einen Fachanwalt vermittelt - auch das gehört zur Betreuung.

Betroffene ziehen externe Betreuung vor


"Posttraumatische Belastungsstörungen", kurz PTBS genannt, sind eine Form der schweren seelischen Verletzungen, wenn Soldaten mit dem Tod des Kameraden, Polizisten mit dem des Kollegen oder auch von Verbrechensopfern nicht fertig werden. Es gebe vielerlei interne Hilfsangebote bei Armee und Polizei, sagt Kahnmeyer. Oft aber zögen Betroffene die externe Betreuung etwa in Endersbach vor, auch wenn sie dort die Behandlung selbst bezahlen müssen. "Viele haben Angst vor dem Outing, vor der Abstempelung als Psycho", erklärt der Therapeut.

Inzwischen sitzen auch Betroffene des Winnender Amoklaufs im Gesprächsraum. Eine so genannte "Timeline" soll ihnen helfen, sich den traumatischen Geschehnissen schrittweise zu stellen und so mit den Erinnerungen leben zu lernen. Zu den Ratsuchenden gehörten Großeltern getöteter Kinder, die leicht in Vergessenheit gerieten, wenn es um die Betreuung gehe. Einige nehmen die Endersbacher Sprechstunden in Anspruch, die Chance, über den unbewältigten Teil der Erinnerung zu reden.

Es exisiert ein großer Bedarf an Beratung


Kahnmeyer nennt als Beispiel wieder ein Beispiel aus Afghanistan. Einer seiner Klienten habe dort mit ansehen müssen, wie ein Kamerad direkt neben ihm im Sperrfeuer umkam. Was, wenn er eine Sekunde vorher gewarnt hätte, fragte sich der Überlebende seitdem. Der Marsch zurück auf der Zeitlinie sei bei ihm das Mittel der Wahl gewesen, meint Kahnmeyer, heute hätten die Schuldgefühle für ihn ihren beherrschenden Stellenwert verloren.

Der Bedarf an Beratungen, da ist sich der Therapeut sicher, werde nicht geringer. Themen wie Mobbing, Scheidungsprobleme und ähnliches seien da zentrale Felder. Und auch die Schulung im besseren Bewältigen von Konflikten in Alltag oder Dienst gewinne an Bedeutung. Hilfe zu suchen sei aber auch an sich schon eine Überwindung, sagt Kahnmeyer: "Die Themen unterliegen gewissen Schamgrenzen."
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