Bevölkerungsschwund Die alten Häuser bleiben leer
Rüdiger Bäßler, 10.02.2012 07:43 Uhr
Häuser aus  den 50er Jahren finden keine Mieter mehr. Foto: Bäßler
Häuser aus den 50er Jahren finden keine Mieter mehr. Foto: Bäßler

Oberkochen - Wenn Wohlstand wirklich Wachstum braucht, ist es um Oberkochen schlecht bestellt. Seit Jahren schrumpft die Stadt, von früher fast 10 000 Einwohnern im Jahr 1968 bis auf aktuell 7740 Köpfe. Bis 2030, das sagt die Prognose, beginnt die Einwohnerzahl wohl mit einer Sechs. Trübsal im Kochertal, das könnte ein passender Reim zur Lage sein.

Das Tal selber ist aber ganz bezaubernd, sogar von der Bundesstraße aus betrachtet. Dampf steigt vom Fluss Kocher auf, gerät in morgendliche Sonnenstrahlen und verglitzert über frostweißen Uferwiesen. Bald wird der Blick eingeengt, die Fahrt geht vorbei an „Klein-Dubai“, wie die Oberkochener sagen, einem von riesigen Kränen überragten Baufeld, auf dem der größte Arbeitgeber der Stadt für 400 Millionen Euro gerade neue Medizintechnik- und Halbleiterfertigungsgebäude baut. Gleich darauf taucht der dunkel verglaste Büroturm der Carl Zeiss AG auf, gleichsam Wahrzeichen dieser Stadt, die längst nur noch Gemeindegröße hat.

Sollte Oberkochen irgendwann zum Dorf regredieren, wäre es mit Gewerbesteuereinnahmen in zweistelliger Millionenhöhe eines der reichsten überhaupt. Aber so weit wird es nicht kommen – sagt der parteilose Bürgermeister Peter Traub: „Wir werden uns auf niedrigerem Niveau stabilisieren.“

Der Bürgermeister hat sein Stahlbad schon erlebt

Die Klage vom Niedergang ist dem 1993 gewählten Rathauschef nicht fremd. Von seinem Büro im zweiten Stockwerk des frisch sanierten Rathauses aus kann er große Teile seiner Stadt übersehen. Als Zeiss 1994 in schweren Turbulenzen schwankte, als viele Beschäftigte ihren Job verloren und die Angst vor der Werksschließung umging, da erlebte Traub sein persönliches Stahlbad. Zeitungen hätten von Arbeitslosen geschrieben, die tagsüber verzweifelt und betrunken in den Kneipen säßen, so erinnert er sich. Reporter des TV-Senders Arte kündigten ihr Kommen an und baten um ein Interview. „Ich habe denen gesagt, wenn Sie wegen betrunkener Arbeitsloser kommen, dann muss ich Sie enttäuschen. Die gibt es hier nicht. Daraufhin haben die sich nie wieder gemeldet.“

Die wirtschaftliche Katastrophe für die Stadt war zehn Jahre später gründlich abgewendet, aber der schleichende Ausblutungsprozess bereitet anhaltende Sorge. „Bis zum Fall der Mauer war Oberkochen die zuzugsstärkste Gemeinde Baden-Württembergs“, sagt Traub. Nach und nach aber stürben die alten, nach dem Zweiten Weltkrieg hergezogenen Zeissianer weg, während die Jungen ausblieben oder Wohnung irgendwo in der Region nähmen, zum Beispiel im nahe gelegenen Aalen.

Kommentare (1)
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FEB
10
Nachdenkerin, 10:56 Uhr

Das Ausbluten der Kleinstädte ..

haben wir dem Größenwahn und Verdrängungswettbewerb der Discounter und Supermärkte zu verdanken. Welche Lebensqualität bieten uns die Aldis, Lidls und Co? Flächenfressende Allzweckhallen, weil ebenerdig aber wirtschaftlicher, ist doch egal wenn täglich Hektar um Hektar wertvolle Grünfläche versiegelt wird, dann funkional ohne Ausstrahlung und Ambiente, stattdessen mit unsäglichen Werbesprüchen ausgestattet, was mutet man den Menschen damit zu? Der Trend zum Gigantismus zerstört die soziale Struktur und Kultur der KLeinstädte. Die Anonymität ist erwünscht, eine Kassiererin an der Kasse, die als menschlicher Computer funktioniert - Hallo und tschüs - das war es. Die Bäcker, die Metzger und die Lebensmitteleinzelhändler, sie waren Bindeglied und Kommunikationsorte in den Kleinstädten - ein Traum von gestern - der Wahnsinn geht weiter!

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