Beweise gefunden George Orwell war in Stuttgart
Stefanie Käfferlein, 17.03.2010 18:15 Uhr
Stuttgart - Mitten in Cannstatt lag sie, die Orwell-Bridge. So nennt sie Geoff Rodoreda, seit er herausgefunden hat, dass George Orwell einst über diese Brücke gegangen war. Die Brücke - der Berger Steg - verband damals nicht nur das eine Ufer Stuttgarts mit dem anderen, sie verbindet auch den Wissenschaftler der Uni Stuttgart mit jenem Literaten. Orwell selbst glaubte nicht, dass er jemals ein erfolgreiches Buch schreiben würde. Heute jedoch zählt der Autor von "Farm der Tiere" und "1984", zu den bekanntesten englischsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts."

Und nun können wir Orwell in die Liste derer eintragen, die irgendwann einmal in Stuttgart gewesen sind", sagt Rodoreda. Große Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe oder Hans Christian Andersen waren in der Landeshauptstadt. Goethe schrieb 1797, er habe in Stuttgart Tage verbracht "wie ich sie in Rom lebte." Der Dichter Joachim Ringelnatz schrieb 1928: "Ja, Stuttgart ist schön, gegen dies scheiß München ein Paris."

Ganz unauffällig dagegen, in einem eher unbekannteren Essay, stehen die Erinnerungen Orwells geschrieben. "Ein paar Stunden nach der Einnahme Stuttgarts durch die französische Armee rückten ein belgischer Journalist und ich in die Stadt ein", schrieb Orwell am 9. November 1945 in seinem Essay "Rache ist sauer" ("Revenge is Sour"). "Alle großen Brücken in der Stadt waren in die Luft gejagt worden und wir mussten über eine schmale Fußgängerbrücke gehen, die die Deutschen offensichtlich heftig verteidigt hatten."

Orwells Aufenthalt in Stuttgart war bis heute nicht bekannt


Nur zufällig hatte Rodoreda diesen Vermerk in jenem Werk entdeckt, das Orwells Witwe 1968 veröffentlicht hatte, als er für das vergangene Sommersemester ein Literaturseminar in der Anglistikabteilung vorbereitet hatte. Verwunderlich dabei: nirgends fand Rodoreda einen Hinweis darauf, dass Orwells Aufenthalt in der Landeshauptstadt bereits bekannt war. "Ich hätte nicht gedacht, dass man das noch in keinem Buch über Stuttgart nachlesen konnte", sagt der Wissenschaftler. Wie lange war Orwell hier? Wo hat er sich aufgehalten? Was hat er noch in Stuttgart gesehen? Das sind Fragen, denen Rodoreda im Haus der Geschichte, im Stadtarchiv und in der Landesbibliothek nachging.

Im englischsprachigen Gesamtwerk "The complete Works" von 1998 fand der Wissenschaftler einen zweiten Beweis für Orwells Stuttgart-Aufenthalt. Mit dem Datum des 29. April 1945 hatte Orwell einen Artikel in der englischen Zeitschrift "The Observer" veröffentlicht. Wenige Monate zuvor war er von eben jenem Blatt beauftragt worden, aus dem befreiten Paris sowie aus zerstörten Gebieten Deutschlands als Kriegskorrespondent zu berichten.

Orwell schrieb: "The morning after the French First Army entered Stuttgart... I entered the town to the sound of rifle shots, and stray shots were still reverberating when I left two days later" - er kam in die Stadt, als es noch drunter und drüber ging und verließ sie zwei Tage später wieder. Wenngleich von keinem Datum die Rede ist, so wird nach den Beschreibungen deutlich, dass sich Orwell wohl vom 23. April an für drei Tage in Stuttgart aufgehalten haben muss. "Am 23. April ist er zumindest über die Brücke gelaufen", sagt Rodoreda.

Rodoreda will herausfinden, wo Orwell genau untergebracht war


Schriftlich festgehalten in den Geschichtsbüchern ist, dass der Kampf um Stuttgart am 22. April 1945 durch französische und amerikanische Truppen ein Ende gefunden hatte. Tags zuvor waren die französischen Truppen von Norden, Westen und Süden in die Stadt einmarschiert, die Amerikaner aus dem Remstal. "Und die einzige Brücke, die dort noch unbeschädigt war, war der Berger Steg", sagt Rodoreda.

Orwell schrieb in "Rache ist sauer" weiter von einem Erlebnis, das er mit jenem belgischen Journalisten hatte, mit dem er in Stuttgart "eingerückt war": "Ein gefallener Soldat lag (...) am Fuß der Brückenstufen (...) Wir waren schon fast über der Brücke, da gestand der Begleiter mir, dass dies der erste Tote war, den er in seinem Leben gesehen hatte." Ein Erlebnis, dass den Belgier so sehr mitnahm, dass er "mit Abscheu die zerbombte Stadt und die Demütigungen, denen die Deutschen ausgesetzt waren", betrachtete. Jenen Bürgern, bei denen Orwell und der Belgier untergebracht waren, schenkte er zum Abschied den Rest Kaffee, den er noch übrig hatte.

An dieser Stelle recherchiert Geoff Rodoreda weiter. Er will herausfinden, wo Orwell genau untergebracht war. "Vielleicht findet er sich in einer Liste für offizielle Kriegsreporter", so Rodoreda. Wo er suchen will, weiß er schon.
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