Big Brother Awards Mit dem gläsernen Ticket auf Datenfang

Von Christiane Schulzki-Haddouti 

Die Berliner Verkehrsbetriebe werden für ihre „Fahrcard“ mit dem Big Brother Award ausgezeichnet. Mit der Chipkarte wurden Bewegungsprofile der Fahrgäste aufgezeichnet. Auch andere Verkehrsunternehmen nutzen die Technik.

Umstrittene Chipkarte: Die „Fahrcard“ der BVG stößt bei Datenschützern auf Kritik. Foto: BVG/Oliver Lang
Umstrittene Chipkarte: Die „Fahrcard“ der BVG stößt bei Datenschützern auf Kritik. Foto: BVG/Oliver Lang

Berlin - Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG haben monatelang erfasst, wann an welcher Haltestelle ein Fahrgast eingestiegen ist. Jedes Mal, wenn der Nutzer ein Lesegerät passierte, wurden Datum, Uhrzeit, Buslinie und Haltestelle auf die kontaktlose Chipkarte geschrieben. „Auch dann, wenn es sich um eine Monatskarte handelte, bei der es nicht auf die gefahrenen Strecken ankommt“, betont Rena Tangens vom Bielefelder Verein Digitalcourage, der den Negativpreis Big Brother Award seit dem Jahr 2000 verleiht.

Der Fahrgast habe nicht gewusst, dass seine elektronische Chipkarte nichts anderes als „eine kleine Datenkrake in der Tasche“ war, sagt Tangens. Zehn Einträge konnte auf der Karte gespeichert werden, die dann mit neuen Daten wieder überschrieben wurden. Jahrelang behauptete die BVG, dass es technisch unmöglich sei, diese Daten zu erfassen. Dabei beruht die „Fahrcard“ auf einem allgemeinen technischen Standard für E-Tickets, dem VDV-Standard. VDV steht für „Verband Deutscher Verkehrsunternehmen“. Das so genannte „Transaktions-Logbuch“ war von Anfang an vorgesehen.

Aufgedeckt wurde die Datenerfassung vom Berliner Fahrgastverband IGEB und dem Online-Magazin Golem: Ein für die Nahfeldkommunkation nach dem NFC-Standard geeignetes Smartphone und die App Mytraq genügen, um die Daten kontaktlos auszulesen. Nach den Presseberichten behauptete die BVG, dass sie die Funktion beim Karten-Hersteller nicht beauftragt habe. Gleichwohl versäumte sie es aber zu überprüfen, ob die Karte tatsächlich auch nur das kann, was sie können sollte. Ende Dezember 2015 deaktivierte die BVG alle Lesegeräte in ihren Bussen. Seit Februar können die Kunden die Daten auf der Karte bei der BVG mit einem kleinen Software-Programm löschen lassen.

„Ein Warnschuss auch für andere Verkehrsgesellschaften“

Eingesetzt wurde die Fahrcard übrigens nicht nur bei der BVG, sondern auch bei den anderen Mitgliedern des Verkehrsverbundes Berlin-Brandburg, nämlich der Oberhavel Verkehrsgesellschaft und der Ostdeutschen Eisenbahn. Und weil das Ticket auf dem VDV-Standard beruht, ist anzunehmen, dass bundesweit weitere Verkehrsgesellschaften betroffen sind. „Der Big Brother Award gilt nicht nur der BVG, sondern er soll auch ein Warnschuss für die ganzen anderen Verkehrsbetriebe bundesweit sein, die elektronische Fahrkarten vorbereiten oder schon einsetzen“, betont Tangens.

Kritisch sieht sie vor allem die Datenerfassung, die der Fahrgast selbst nicht mehr kontrollieren kann. Doch die Datenschützerin kritisiert nicht nur die mangelnde Transparenz, sondern die Datenerfassung selbst: „Warum überhaupt muss mit einer Fahrkarte die Strecke von A nach B erfasst werden?“ Die nahe liegende Antwort lautet: Weil damit kontrolliert werden kann, ob ein Fahrgast das Ticket für die richtige Strecke gelöst hat.

Verkehrspolitisch stehen die Weichen aber bereits anders: Viele Städte überlegen sich intensiv, wie sie den Autoverkehr in der Innenstadt reduzieren können. Die belgische Stadt Hasselt entschied sich bereits 1997, auf den Bau einer Umgehungsstraße zu verzichten und stattdessen einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr anzubieten. Die Buslinien wurden ausgebaut und Parkplätze in der Innenstadt verteuert. Dieses Experiment griffen seither Tallinn in Estland, Aubagne in Frankreich, Manchester in Großbritannien und Calgary in Kanada auf. In Deutschland überlegt derzeit Tübingen einen Gratis-Nahverkehr einzurichten. In Berlin ließ die Piratenfraktion im Abgeordnetenhaus eine Machbarkeitsstudie für einen fahrscheinlosen Nahverkehr erstellen.

Nahverkehr statt selbstfahrender Autos

Rena Tanges glaubt, dass jetzt wichtige Weichen gestellt werden. Denn wenn selbstfahrende Autos zunehmend eine Rolle spielen, werde auch der Autoverkehr wachsen. Denn dann kann man auch im Auto die Dinge erledigen, die man bisher nur im öffentlichen Nahverkehr tun konnte. Tangens sagt: „Verkehrsbetriebe und Politik sollten jetzt gegensteuern und einen attraktiven öffentlichen Nah- und Fernverkehr als Alternative anbieten.“ Dabei müsse auch der Datenschutz eine wichtige Rolle spielen, um eine Totalüberwachung zu verhindern.

Die BVG erhielt für ihr gläsernes Busticket deshalb den Big Brother Award in der Kategorie „Technik“. Die weiteren Preisträger zeigen nicht weniger gravierende Datenschutzprobleme auf. So erhielt der Verfassungsschutz die Negativauszeichnung in der Kategorie „Lifetime“ für die Überwachung und Stigmatisierung gesellschaftskritischer Gruppen und Personen, für sein offensichtlich unkontrollierbares V-Leute-Systeme sowie seine „heillosen Verflechtungen in mörderische Neonazi-Szenen und die Vertuschung illegaler Praktiken“, so der Jurist und Bürgerrechtler Rolf Gössner.

In der Kategorie „Wirtschaft“ ging der Negativpreis an die US-Firma Change.org, die eine Kampagnenplattform unterhält. Die personenbezogenen Daten der Unterzeichner vermarktet sie gewinnorientiert. Weil im Moment vor allem links und alternativ gesinnte Bürger den Dienst nutzen, bemüht sich dieser derzeit aktiv um Nutzer aus dem rechten Spektrum. Die Daten der Anwender werden immer noch in den USA gespeichert, obwohl dies nach dem Safe-Harbor-Urteil des Europäischen Gerichtshofs seit Herbst nicht mehr rechtmäßig ist.

Kritik am gläsernen Versicherten

Der Versicherungskonzern Generali wurde in der Kategorie „Verbraucherschutz“ ausgezeichnet. Er verspricht Versicherten Vorteile, wenn sie ihre Fitnessdaten und ihr Einkaufsverhalten über eine App an die Versicherung weitermelden. Die Daten werden an ein Bonuspunkte-System nach Südafrika übermittelt.

Schließlich erhielt die Firma IBM für die Kategorie „Arbeitswelt“ den Negativpreis, da sie die Software „Social Dashboard“ entwickelt hat. Damit wird das digitale Sozialverhalten von Angestellten bewertet. Die Daten stammen aus dem firmeneigenen sozialen Netzwerk „Connections“. Für „Likes“ und Weiterleitungen von Nachrichten erhält der Anwender eine bestimmte Anzahl von Punkten, aus denen ein „Soziales Ranking“ erstellt wird. Frank Rosengart vom Chaos Computer Club kritisiert, dass damit die Bewertung von sozialem Verhalten einer Maschine überlassen wird, was falsche Anreize setze und zu mehr Arbeitsdruck führe.