Bildung in Baden-Württemberg Mehr Schüler, weniger angehende Lehrer

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An vielen Schulen in Baden-Württemberg herrscht Lehrermangel. Wie ein Bericht des Statistischen Landesamts zeigt, nimmt jedoch die Zahl der Lehramtsabsolventen und –studienanfänger seit einigen Jahren ab. Die Gründe dafür liegen auch in der Politik.

Bis 2025 steigen die  Schülerzahlen  deutlich, gleichzeitig gehen viele Lehrer in den Ruhestand. Foto: dpa
Bis 2025 steigen die Schülerzahlen deutlich, gleichzeitig gehen viele Lehrer in den Ruhestand.Foto: dpa

Stuttgart - Die Zahl der Lehramtsanwärter geht weiter zurück. 2015 haben in Baden-Württemberg etwa 700 Studierende weniger als im Vorjahr das erste Staatsexamen abgelegt, teilte das Statistische Landesamt kürzlich mit. Waren es 2014 noch 5582, sank die Zahl 2015 um 13 Prozent auf 4877 Absolventen. Weniger waren es zuletzt 2005.

Der Rückgang könnte sich in den nächsten Jahren fortsetzen, denn die Zahl der Studienanfänger für ein Lehramt ist seit dem Wintersemester 2011/2012 ebenfalls rückläufig. Befanden sich damals noch 5664 Lehramtsstudierende im ersten Hochschulsemester, sind es vier Jahre später nur noch 3277. Eine ähnliche Entwicklung weist auch die Gesamtzahl auf: 2012/2013 gab es an den Universitäten, Pädagogischen Hochschulen und Kunst- und Musikhochschulen 35 364 Lehramtsstudierende, im Wintersemester 2015/2016 waren es nur noch 31 636.

Lehrerberuf weniger attraktiv als freie Wirtschaft

Während das Kultusministerium auf Anfrage unserer Zeitung diese Entwicklung mit einer „natürlichen Schwankung“ begründet und gar konstatiert, dass „die Anzahl der Lehramtsstudierenden seit der Jahrtausendwende kontinuierlich ansteigt“, interpretieren andere die Zahlen völlig anders.

„Der Rückgang hängt damit zusammen, dass die Abiturienten erkennen, dass Schule machen immer schwieriger wird. Sie sehen zwar, dass der große Wert der Bildung von der Politik beschworen wird, aber sie sehen auch, dass viele Stellen gestrichen werden“, meint Doro Moritz, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Verunsicherung bei den Schülern sei groß, und man habe in Baden-Württemberg wirtschaftlich sehr gute Alternativen, so dass sich die Studienanfänger gut überlegen würden, ob sie ein Lehramtsstudium aufnehmen.

Ähnlich sieht das auch der Beauftragte der Landesrektorenkonferenz für Fragen des Lehramts an Universitäten in Baden-Württemberg, Hans-Jochen Schiewer. Problematisch seien vor allem die besseren Verdienstmöglichkeiten für Naturwissenschaftler in der Wirtschaft. „Diese Situation führt bedauerlicherweise dazu, dass sich viele begabte und qualifizierte Studierende im Studium nicht für die Lehramtsoption entscheiden.“ Nichtsdestotrotz würde die Attraktivität des Lehramtsstudiums an den baden-württembergischen Universitäten entgegen dem Trend der vergangenen Jahre wieder zunehmen. Schiewer führt das auch auf die Einführung des Bachelor-Master-Modells sowie den aktuellen Lehrermangel zurück.

Etwas anders sieht es hingegen an den Pädagogischen Hochschulen aus. „Die Bewerberzahlen für das Lehramt sind an den Pädagogischen Hochschulen ungebrochen hoch“, sagt Astrid Beckmann, Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz der Pädagogischen Hochschulen Baden-Württemberg. Dass die Zahl der Lehramtsstudie­renden dennoch sinke, liege vielmehr in einer politischen Entscheidung. „Aufgrund der Prognosen des Kultusministeriums sind im vergangenen Jahrzehnt die Plätze für Lehramtsstudierende kontinuierlich zurückgefahren worden, besonders etwa ab dem Jahr 2011.“

Falsche Prognose, große Folgen

Damals fasste die grün-rote Regierung den Plan, wegen vermeintlich sinkender Schülerzahlen bis 2020 insgesamt 11 600 Lehrerstellen abzubauen und in diesem Zuge auch die Studienplätze für Lehramtsstudierende zu deckeln. Eine fehlerhafte Prognose – wie sich später herausstellte. Während die Statistiker damals noch davon ausgingen, dass 2025 nur noch 972 100 Schüler allgemeinbildende Schulen besuchen würden, rechnen sie inzwischen wegen Zuwanderung und steigender Geburtenrate dann mit 1 151 700 Schülern.

Gleichzeitig herrscht schon jetzt vielerorts, insbesondere im ländlichen Raum, ein Lehrermangel, der vor allem Grund- und Sonderschullehrer betrifft. Allein zu Beginn des aktuellen Schuljahres blieben mehrere Hundert Stellen unbesetzt.

In der vergangenen Woche hatte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) eingeräumt, dass es im Südwesten derzeit rund 1000 offene Lehrerstellen gebe, die durch Zeitverträge, die Aufstockung von Deputaten und freiwillige Überstunden kompensiert werden sollten. Zudem will sie ältere Lehrer bitten, später in den Ruhestand zu gehen – dafür sollen sie einen finanziellen Ausgleich erhalten. Das Kultusministerium hat an den Pädagogischen Hochschulen im Land zwar unlängst einen erhöhten Bedarf an Lehrkräften gemeldet und zum Beispiel die Zahl der Studienanfängerplätze im Bereich Sonderpädagogik erhöht, doch die Hochschulen kommen an ihre Kapazitätsgrenzen.

Hochschulen fordern mehr Kapazitäten

„Die Zahl der Lehramtsstudienplätze an den Pädagogischen Hochschulen können nur bedarfsgerecht erhöht werden, wenn auch die Kapazitäten ausgebaut werden“, erklärt Beckmann. „Hier müssen Kultus- und Wissenschaftsministerium förderlich zusammenwirken. Gerade die aktuelle bildungspolitische Diskussion zeigt, wie wichtig eine ausreichende Versorgung mit qualifizierten Lehrern ist.“




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