Bildung Rechenschwäche wird zum wissenschaftlichen Problem

Von Sebastian Ostendorf 

Die Uni Stuttgart gibt künftigen Studenten Nachhilfe in Mathematik und Naturwissenschaft – aus Eigennutz. Rechenschwäche wird zum Hauptgrund für den Studienabbruch.

Zwischen Abitur und Studiumsbeginn klafft zunehmend eine Lücke. In Mathematik haben angehende Studenten sogar mit dem Schulstoff Probleme. Foto: Universität/Regenscheit
Zwischen Abitur und Studiumsbeginn klafft zunehmend eine Lücke. In Mathematik haben angehende Studenten sogar mit dem Schulstoff Probleme.Foto: Universität/Regenscheit

Schlichte Rechenschwäche wird zum ernsthaften Problem der Wissenschaft. Nachdem vor vier Jahren in den sogenannten Mint-Fächern die Abbrecherquote auf fast 40 Prozent gestiegen war, entschied die Universität Stuttgart, dass es dringend an der Zeit ist, die künftigen Wissenschaftler besser auf ihre Hochschulausbildung vorzubereiten. Seitdem gibt es die sogenannten Mint-Kollege, gleichsam ein Vorstudium, mit dem nicht zuletzt Kenntnisse aufgefrischt werden, die eigentlich schon die Schule vermittelt. „Mint“ steht für Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Die nächsten Kurse beginnen im April.

Lückenhafte Kenntnisse der Mathematik waren tatsächlich der Knackpunkt bei fast allen Studienabbrechern. Die Vorkurse sollen „verhindern, dass eigentlich gute Studenten auf der Strecke bleiben und das Studium in den Naturwissenschaften aufgeben“, sagt Birgit Vennemann, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Kollegs

Die Nachhilfe an der Uni ist Teil des Bildungsprogramms „Studienmodelle individueller Geschwindigkeit“. Dahinter steckt, dass Gymnasien längst wahlweise das Abitur nach acht oder neun Jahren anbieten. Deshalb „sind die Schüler unterschiedlich gut vorbereitet. Wir stehen vor der Aufgabe, die Chancengleichheit einzuhalten“, sagt Vennemann. Sie verweist zudem auf unterschiedliche Abstände zwischen Abitur und Studienbeginn. Wer sich nach der Schule für ein freiwilliges soziales Jahr entscheide, sei im Nachteil. „Wir wollen ihnen über die Anfangsschwierigkeiten hinweghelfen“, sagt Norbert Röhrl, der mathematische Physik lehrt.

Dozenten bereiten auf universitäres Niveau vor

Dazu treffen sich Studenten und alle, die es werden wollen, in Aufbaukursen vor dem Semester oder während des Studiums. Die Teilnehmerzahl ist auf 30 beschränkt. Sie wiederholen den Schulstoff in den Fächern Mathematik oder Physik und bereiten sich auf das Niveau der Uni vor. „Unsere Dozenten stimmen den Unterrichtsstoff mit den Erfordernissen und Lehrplänen an den Unis ab“, sagt Claudia Goll, die Leiterin des Mint-Kollegs. „Manch einer möchte aus Interesse Umwelttechnik studieren, wird aber in den Mathekursen allein gelassen“, sagt Röhrl. Angetan ist der Württembergische Ingenieurverein (VDI Württemberg) von den Bemühungen der Uni. Er beklagt seit längerem, dass zwischen der Anforderung im Studium und beim Abitur eine Lücke klafft. Die Seminare „schlagen eine Brücke zwischen Schule und Studium. Dadurch verlängert sich das Bachelorstudium zwar, wird aber umso erfolgreicher abgeschlossen“, sagt der VDI-Geschäftsführer Paul Martin Schäfer.

Inzwischen fehlen 15 000 bis 20 000 Ingenieure

Hinter dem Angebot stehen auch volkswirtschaftliche Erwägungen. Laut VDI fehlen im Land 15 000 bis 20 000 Ingenieure. „Wir können es uns nicht mehr leisten, große Teile eines Semesters durchfallen zu lassen. Uns sind zu viele Absolventen durch die Lappen gegangen, die an der Mathematik gescheitert sind“, sagt Schäfer. Goll führt an, dass die Abbruchquote in den Mint-Fächern zu hoch war, als dass man sie weiter hinnehmen konnte. Zumal sich der Fachkräftemangel durch eine älter werdende Bevölkerung verschärft hat. „Das Kolleg ist deshalb auch als eine arbeitspolitische Maßnahme zu verstehen“, sagt die Leiterin.

Tatsächlich machen sich die Bemühungen des Kollegs bezahlt. Allein 4000 Teilnehmer verzeichneten die Vorkurse in Stuttgart und Karlsruhe zusammen in diesem Wintersemester. Auch die durchweg positiven Beurteilungen der Studenten auf der Homepage des Kollegs geben dem Projekt Recht. „Wir treffen damit den Nerv der Zeit“, sagt Röhrl.

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