Bildung Viele Studenten haben Lese- und Rechtschreibschwächen

Markus Reiter, 29.07.2012 16:47 Uhr
Bayreuth - Sie zeichnen sich durch hohe Medienkompetenz aus – dafür fällt es Studienanfängern zunehmend schwer, komplexe Sachverhalte zu durchdringen. Die Politik muss gegensteuern, sagt der Professor von der Universität Bayreuth.
Herr Professor Wolf, in Ihrer Umfrage sagen viele geisteswissenschaftliche Professoren, dass die heutigen Studenten eine mangelnde Schreib- und Lesekompetenz aufwiesen. Was heißt das konkret?
Meine Kollegen stellen fest, dass vor allem in drei Bereichen bei den Studierenden Schwächen auszumachen sind. Erstens beobachten sie eine mangelnde Sprachkompetenz. Darunter fällt zum Beispiel, dass die Studierenden weniger Abwechslung im Ausdruck zeigen. Wissenschaftlich spricht man von der Wortvarianz. Sie kämpfen auch mit der Syntax und verwenden falsche Konjunktionen. Sie schreiben zum Beispiel „wenn“ in Fällen, in denen es „nachdem“ heißen müsste. Sie verwenden falsche Zeiten und falsche Fälle. Kurzum, sie haben Probleme mit der deutschen Grammatik. Zweitens stechen Schwächen bei der Rechtschreibung und Zeichensetzung ins Auge, obwohl oft sogar Rechtschreibprogramme verwendet werden. Drittens fällt es den Studierenden schwer, komplexe Texte zu verstehen. Oft können sie wissenschaftliche Texte nur oberflächlich zusammenfassen und scheitern daran, sie einer kritischen Analyse zu unterziehen.

Gilt das nur für geschriebene oder auch für gesprochene Sprache?
Für beides. In den Referaten und Hausarbeiten stellen wir fest, dass oft ganze Textblöcke aus der wissenschaftlichen Literatur übernommen werden. Ich rede hier nicht von Plagiaten, denn die Zitate werden korrekt gekennzeichnet. Aber es fällt den Studierenden schwer, zum darin Gesagten Stellung zu nehmen oder es auch nur zusammenzufassen. Das Gleiche gilt für Vorlesungen. Auch hier können viele einer neunzigminütigen Vorlesung nicht folgen und sind nicht in der Lage, die wichtigsten Inhalte in ihren eigenen Worten wiederzugeben.

Ihre Umfrage wird in den Medien oft als Studie bezeichnet. Von einer Studie kann man aber nicht sprechen, oder?
Nein, diesen Anspruch haben wir auch nicht erhoben. Es handelt sich eher um Beobachtungen, die sehr viele Professoren in den Geisteswissenschaften machen. Für eine wissenschaftlich belastbare Studie bräuchten wir Repräsentativität und eine andere Methodik. Es besteht auf jeden Fall noch Forschungsbedarf.

Kann es nicht sein, dass wir es mit der alt­bekannten Klage zu tun haben, die jungen Leute von heute könnten nichts mehr, und früher sei alles besser gewesen?
Sie haben in einem Punkt recht. Die Klage über die mangelnde Kompetenz der Jugend gibt es schon seit Jahrtausenden. Da möchten wir uns nicht einreihen. Zum einen haben wir auch junge Professoren befragt – und die teilen die Eindrücke ihrer älteren Kollegen. Zum anderen behaupten wir nicht, dass die Studierenden dümmer geworden sind. Sie verfügen heute über andere Fähigkeiten als früher.

Welche wären das?
Die Medienbeherrschung ist gestiegen. Dazu zählt zum Beispiel der souveräne Umgang mit dem Internet. Die Studierenden sind selbstbewusster im Auftreten und können die Ergebnisse ihrer Arbeit besser und wirkungsvoller nach außen darstellen. Dadurch erweisen sie sich als erfolgreicher auf dem Arbeitsmarkt. Letztlich muss man anerkennen, dass die meisten Studierenden in der Lage sind, einen erstaunlich komplexen Alltag zu organisieren. Viele arbeiten nebenbei und machen Praktika, und das alles bei einem Studienalltag, der durch den Bologna-Prozess verdichtet ist. Selbst die Studierenden der Geisteswissenschaften sind heute wesentlich pragmatischer als früher.