Biologie Die Widerstände gegen den Wolf wachsen

Von Benjamin Haerdle 

Vom Osten Deutschlands her breitet sich der Wolf auch in Deutschland aus. Auch Baden-Württemberg erwartet seine Ankunft. Doch seit es in der Sächsischen Schweiz zahlreiche tote Schafe gab, mehren sich Rufe nach dem Abschuss von Wölfen.

Bald werden die ersten Wölfe auch in Baden-Württemberg erwartet. Foto: dpa
Bald werden die ersten Wölfe auch in Baden-Württemberg erwartet. Foto: dpa

Stuttgart - Es war ein ungewöhnlicher Anblick: Gleich sieben Wölfe – ein Elternpaar mit seinen fünf Welpen – tappten in einer kalten Februarnacht im sachsen-anhaltinischen Fläming nahe dem Ort Göritz in eine Fotofalle. Es war zugleich auch ein Foto mit Symbolcharakter, denn die Wolfspopulation in Osten Deutschlands entwickelt sich prächtig: Neun Rudel streifen durch Sachsen, das Bundesland mit den meisten Wölfen. Dazu kommen noch sieben Rudel in Brandenburg und zwei in Sachsen-Anhalt.

Von Ostdeutschland breiten sich die Wölfe weiter Richtung Westen und Norden aus: Ein Rudel lebt bereits in Niedersachsen, drei Tiere in Mecklenburg-Vorpommern, und durch Nordrhein-Westfalen, Hessen oder Bayern streifen immer wieder Wölfe. Weil sich auch in den Südvogesen ein Wolfspaar und im Schweizer Kanton Graubünden ein Wolfsrudel breitgemacht haben, rechnen Forscher der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) Baden-Württemberg mit der baldigen Rückkehr der Raubtiere auch in den Südwesten. „Die natürliche Zuwanderung einzelner Wölfe nach Baden-Württemberg ist jederzeit möglich“, sagt Micha Herdtfelder, der als Wildbiologe bei der FVA für den Wolf zuständig ist. Langfristig sei sogar die Bildung eines Rudels denkbar.

Tausend Kilometer für ein neues Revier

Rund 100 bis 120 Tiere sind momentan laut Norman Stier in Deutschland heimisch. Eine Entwicklung, die der Forstzoologe der Technischen Universität Dresden noch nicht am Ende sieht. „Der Wolf ist ein extremer Opportunist, den der Mensch nur wenig stört und der keine zu großen Ansprüche an seine Umgebung stellt“, sagt Stier. Um neue Reviere zu finden, lege er bis zu tausend Kilometer zurück und quere dabei Autobahnen, Zäune und Flüsse.

Hinzu kommt, dass der Wolf hierzulande offenbar ein Schlaraffenland an Beutetieren vorfindet: „Deutschland hat in Mitteleuropa mit die höchsten Dichten an Schalenwild“, erklärt Stier. Rehe, Dam- und Rotwild finde er hier noch im Überfluss. Und denen stellt er erfolgreich nach, wie Forscher des Senckenberg-Forschungsinstituts in Görlitz voriges Jahr herausfanden. Demnach machen Rehe, Rotwild und Wildschweine 96 Prozent der Beutetiere des Wolfs aus. Die Experten hatten dafür mehr als 3000 Kotproben von Wölfen in der Lausitz untersucht. Reste von Nutztieren wie Schafen fanden sich dagegen nur in weniger als einem Prozent der Kotproben.

Forderungen nach dem Abschuss von Tieren

Solche Zahlen beruhigen manche Nutztierhalter aber nur wenig. Seit Ende vergangenen Jahres brodelt es beispielsweise in der Sächsischen Schweiz heftig. In der Region Hohwald, rund 35 Kilometer südöstlich von Dresden, lebt seit November ein Wolfsrudel, das bereits mehrere Schafe gerissen hat. 13 tote Tiere wies der Staatsforst Sachsen nach, 27 gerissene Schafe zählten die lokalen Schäfer. Sie überreichten deshalb im Februar dem sächsischen Landtagspräsidenten Matthias Rößler fast 10 000 Unterschriften, um so gegen die ihrer Meinung nach unkontrollierte Ausbreitung der Wölfe zu protestieren. Wölfe, die sich Siedlungen und landwirtschaftlichen Nutztieren näherten, sollten abgeschossen werden, so die Forderung.

Für Vanessa Ludwig, die Leiterin des Kontaktbüros Wolfsregion Lausitz, ist die derzeitige Aufregung nichts Neues. „Überall dort, wo der Wolf neu auftaucht, gibt es Fragen und Ängste“, sagt sie und erinnert an ähnliche Situationen, als der Wolf in der Lausitz vor mehr als zehn Jahren erstmals in Erscheinung trat. Dagegen helfe nur, die Bevölkerung gut aufzuklären und Nutztierhalter über Maßnahmen zu informieren, wie sie ihre Schafe und Ziegen besser schützen können. Der Freistaat übernimmt etwa Ausgaben der Schäfer für Elektrozäune, Flatterband oder Herdenschutzhunde bis zu einer Höhe von 60 Prozent. Werden dennoch Schafe oder Ziegen nachweislich von Wölfen gerissen, zahlt Sachsen eine Entschädigung. Rund 150 Euro macht das im Durchschnitt pro Schaf aus.

Nach den Vorfällen in der Sächsischen Schweiz fordern mittlerweile die ersten Lokalpolitiker Konsequenzen. Michael Harig, CDU-Landrat des Landkreises Bautzen, verlangt Abschussquoten für den Wolf. Gerade bei Tierhaltern mit kleinen Beständen seien die aufwendigen Sicherungsmaßnahmen trotz Förderung unwirtschaftlich, sagt er. Es seien Jagdstrecken ähnlich allen anderen jagdbaren Tierarten festzulegen. Legitimiert sieht sich Harig offenbar dadurch, dass das Säugetier seit September vorigen Jahres unter das sächsische Landesjagdgesetz fällt. Das Umweltministerium Sachsens will damit Kompetenz, Erfahrung und vor allem die flächendeckende Präsenz der Jäger nutzen. „Ihre Mitwirkung bei der Bestandserfassung besonderer Wildarten, wie der Wolf, ist unerlässlich“, erklärte Sachsens Umweltminister Frank Kupfer.

Jagdzeiten gibt es für den Wolf nicht

Naturschutzverbände wie der Nabu hatten gegen die Aufnahme des Wolfs in das Jagdgesetz vehement protestiert. Markus Bathen, Wolfsexperte des Nabu, befürchtet vor allem ein Akzeptanzproblem für den Wolf: „Das suggeriert den Menschen, dass es zu viele Wölfe gibt und sie bejagt werden können.“ Das sei aber mitnichten der Fall. Dies gelte auch für den Abschuss von zwei möglicherweise an Räude erkrankten Welpen in einem Lausitzer Rudel, den nun einzelne Jäger verlangen. „Krankheiten gehören zur Natur“, sagt Bathen.

Die Forderung war laut geworden, weil die von Milben hervorgerufene Hauterkrankung, die zum Beispiel beim Fuchs sehr häufig auftritt, auch auf Haustiere und Menschen übertragen werden kann. Zudem kann sie bei den Wölfen eine verzögerte Fluchtreaktion zur Folge haben. Doch ein Abschuss der erkrankten Wölfe gilt als ausgeschlossen, weil die Tiere nach der EU-Artenschutzverordnung und dem Bundesnaturschutzgesetz unter strengem Schutz stehen. Und Kupfer bekennt sich bisher trotz der Aufnahme des Wolfs in das Jagdgesetz eindeutig zum Wolf: „Der Wolf darf auch weiter nicht geschossen werden.“ Für streng geschützte Arten gebe es in der Jagdverordnung auch keine Jagdzeiten.