Blick zurück: der Ex-Boxweltmeister Markus Bott Der Champ

Robin Szuttor, 07.05.2013 14:27 Uhr

Pforzheim - Für Markus Bott geht es am Abend des 13. Februar 1993 in der Sporthalle Hamburg-Alsterdorf um die Erfüllung aller Träume. Er gegen Tyrone Booze, WBO-Weltmeister im Cruisergewicht. Beide in roten Hosen. Bott mit Schnauzer und Föhnwelle, die schon nach der ersten Runde platt geschwitzt ist. Er wirkt ausnahmsweise topfit. Booze muss zermürbende Körpertreffer und satte Aufwärtshaken im Infight schlucken. Bott mit starker Führhand. Seine Jabs finden immer wieder ihr Ziel durch die Deckung. In der neunten Runde schüttelt den Amerikaner eine schnelle Links-rechts-Kombination durch. Booze im Rückwärtsgang. Beim Pausengong reißt Bott schon triumphierend die Arme hoch. Drei Runden später ist es tatsächlich wahr. Sieg nach Punkten. Seine Frau packt sein Gesicht und küsst ihn. Er trägt jetzt den Gürtel der World Boxing Organization: Ein Kranz aus Gold und Rubinen umsäumt die fünf Kontinente. Markus Bott auf dem Gipfel der Welt.

Das Dolce Vita ist ein italienischer Imbiss in der Pforzheimer Nordstadt, wo sich die Jugend darauf geeinigt hat, ausnahmslos protzige Turnschuhe, coole Kapuzenjacken und glänzende Adidas-Trainingshosen zu tragen. Wo man sicherheitshalber ab und zu hinter sich schauen sollte, wie der Rentner, der einem den Weg erklärt hat, noch scherzhaft nachruft. Viertel nach zwölf. Keine Spur von Bott. Anruf: „Ach so, ist heute Freitag? Bin in fünf Minuten da.“

Markus Bott trägt eine Schildkappe wie in Ganovenfilmen aus den 30er Jahren. Er begrüßt ein paar Bauarbeiter, die vor ihrer Dolce-Vita-Mittagspizza stehen, nimmt deren ausgelesene „Bild“-Zeitung mit, redet noch kurz mit der Wirtin. Geschlaucht sieht er aus. In der Nacht hat er ein Auto von Berlin überführt, einen Leasingrückläufer. Keiner käme auf die Idee, dass da ein früherer Box-Weltmeister seine Cola leert. Er war schon länger nicht mehr im Fitness-Studio, aber er hat immer noch was Dynamisches. Und er redet immer noch schnörkellos, frei Schnauze, was ihm damals als Profi den Beinamen „Cassius“ einbrachte.

Ein Kind der Nordstadt

Bott ist eine Nummer für sich, hieß es früher in Boxkreisen. Ein Unberechenbarer, der gegen jeden der Welt verlieren und gewinnen kann, stellte sein Promoter Klaus-Peter Kohl, Chef des Universum-Boxstalls, einmal halb resigniert fest. Ein fauler Hund, stichelte die Presse. „Jedenfalls keiner, der beim Kampf ständig im Ring rumrannte wie ein Kranker“, sagt Bott selbst.

Ein Kind der Nordstadt. Dort wird er im Januar 1962 geboren. Sein Vater Reifenmonteur und später Vertreter, die Mutter putzt bei C&A. Drei Geschwister. Als Junge ist er viel auf der Straße. Mit 14 wiegt er 32 Kilogramm, nicht gerade der geborene Kampfsportler. Aber irgendwas muss er damals schon ausgestrahlt haben. Denn einer vom Pforzheimer Boxclub, der öfters in der Nordstadt unterwegs ist, will den dürren Hering unbedingt in den Verein holen.

Seinen ersten Wettkampf gewinnt er. Als Preisgeld gibt es zehn Mark und ein Abendessen. Außerdem kommt er mit dem Boxen ein bisschen in der Gegend rum: Sindelfingen, Reutlingen, Karlsruhe. Nach der Hauptschule lernt er Maler. Aber lieber würde er es im Ring zu was bringen. Mit 18 boxt er schon Halbschwergewicht. Und er boxt richtig gut, wenn er will.