Blitzbesuch in Afghanistan Merkel spricht von "Krieg"
dpa/rtr, 18.12.2010 10:12 Uhr
 Foto: dpa
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Kundus - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei einem überraschenden Truppenbesuch in Kundus so deutlich wie noch nie von einem "Krieg" in Afghanistan gesprochen. "Wir haben hier nicht nur kriegsähnliche Zustände, sondern Sie sind in Kämpfe verwickelt, wie man sie im Krieg hat", sagte Merkel am Samstag vor mehreren hundert Soldaten im Feldlager der Bundeswehr. "Das ist für uns eine völlig neue Erfahrung. Wir haben das sonst von unseren Eltern gehört im Zweiten Weltkrieg." Das sei aber eine andere Situation gewesen, weil Deutschland damals der Angreifer war.

Der Blitzbesuch Merkels wird vom Tod eines deutschen Soldaten überschattet, der kurz vor dem Eintreffen der Bundeskanzlerin am Freitag in der nordafghanischen Provinz Baghlan starb. Vor ihrer Ansprache erhoben sich die Kanzlerin und die Soldaten, um in einer Schweigeminute des Toten zu gedenken. Der 21-Jährige Hauptgefreite starb nach Merkels Worten bei einem "tragischen Unfall".

"Der Grund, warum ich auch hier bin, ist Ihnen Dankeschön zu sagen", betonte Merkel vor den Soldaten. "Wir wissen, dass das eine extrem gefährliche Sache ist und sich viele noch lange nach dem Einsatz damit rumplagen, was sie hier erlebt haben." Das militärische Engagement am Hindukusch diene auch der Sicherheit Deutschlands. "Ohne Sie könnten wir nicht so sicher leben, und das müssen wir den Menschen auch sagen". Zur ablehnenden Haltung vieler Bundesbürger zum Einsatz sagte die Kanzlerin: "Die Bevölkerung sieht diesen Einsatz zum Teil skeptisch, und trotzdem ist sie stolz auf Sie."

Zuvor war Merkel begleitet von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, zum Ehrenhain im Feldlager gegangen. Dort wird der Toten des Einsatzes gedacht. Merkel sprach anschließend mit Soldaten, die an der Offensive im vergangenen Monat im Unruhedistrikt Char Darah beteiligt waren. In schweren Gefechten, die vier Tage andauerten, waren die Taliban dabei aus dem Süden des Distrikts vertrieben worden. Die Kanzlerin sagte zur Schilderung der Kämpfe: "Das ist etwas, was wir bisher nur aus Kriegsbüchern kannten."

Kommentare (7)
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DEZ
20
O.P.Vervielfältiger, 11:08 Uhr

Afghanistan - Vietnam

Es gibt nichts Schlimmeres für Soldaten, wenn sie das Gefühl haben, verheizt zu werden. Es geht überhaupt nicht darum, ob unsere Regierung begriffen hat, was die Männer und Frauen in Afghanistan durchstehen, oder ob unsere Kanzlerin das Grauen des Krieges benennen kann. Es geht darum, dass nie eine begründete Notwendigkeit bestand, unsere Soldaten und Soldatinnen nach Afghanistan zu schicken. Es bestand nie die Notwendigkeit diese Menschen in den Tod zu schicken und ihnen diese schreckliche Deformation der Seele anzutun, die den barbarischen Kern des Krieges ausmacht. Sie müssen dort erleben, dass des Menschen Wolf der Mensch ist; zu leben in einer Welt, in der man tötet und getötet wird, verstümmelt und verstümmelt wird, und dazwischen wird Zeit totgeschlagen. In den ersten elf Monaten dieses Jahres wurden 655 Soldaten aus Afghanistan wegen PTBS behandelt. PTBS heißt posttraumatische Belastungsstörungen; Wörter, die Distanz schaffen sollen. Dieser Krieg war nie eine Notwendigkeit. Er war nichts anderes als der blinde Aktionismus einer überforderten US-Regierung, der wir u. a in typisch deutscher Nibelungentreue folgten. Offiziell hieß das: Die Bundesrepublik muss Verantwortung in der Welt übernehmen. Nach viel Gedankenarbeit wurde das Ganze dann als Krieg gegen den Terror propagiert bzw. auf Deutsch: die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch. Zumindest Afghanistan hat in dieser Zeit mehr Terror erlebt als je zuvor. Dabei hätte eine Gesprächsrunde mit sowjetischen Generälen gereicht, um zu erfahren: Jede Kriegsführung in Afghanistan ist sinnlos. Da gibt es nichts zu gewinnen, nur zu verlieren: Leib und Leben und die beschädigten Seelen unserer Soldaten. Nun ist der schlimmstmögliche Fall eingetreten: Der Zweck, der diese Mittel heiligte, erweist sich als Leerformel und im bösesten Fall als Betrug. Gerade hieß es noch, Abziehen sei keine Lösung, jetzt ziehen wir ab, weil die US-Regierung realisieren muss: Bleiben ist auch keine Lösung. Kurzum wir alle erleben unser kleines Vietnam – wir alle, denn wir haben die verantwortlichen Politiker gewählt. Aber die Wut bleibt. Wie wenig haben wir gelernt, wenn Helmut Schmidt beim Gelöbnis vor dem Reichstag den Soldaten zu sagen wagt: “Ihr könnt euch darauf verlassen – dieser Staat wird euch nicht missbrauchen.” Raus aus diesem neuen Vietnam - für Betrüger, Wahlfälscher, korrupte Politiker, Rauschgiftbarone brauchen wir nicht zu kämpfen.

DEZ
19
Thomas K aus S, 17:47 Uhr

Merkel spricht vom Krieg

Da hätte sie nicht extra nach Afganisthan fliegen müssen um das zu sagen. Das Geld hätte man sich sparen können. warum glauben die Politiker eigentlich sie wären eine Überraschung wenn sie die Truppen dort besuchen. Die Soldaten und Soldatinnen würden sich über andere Dinge viel mehr freuen als über das erscheinen von Politikern. Die wollen sich damit doch nur in Szene setzten.

DEZ
18
Detlef von Seggern, 16:43 Uhr

"Afghanistan-Krieg"

Nur um der Feststellung willens, das in Afghanistan Krieg herrscht, braucht man nicht in dieses Land zu reisen. Dies ist doch bereits seit Jahren, traurige Realität. Auch Angesichts der vielen gefallenen Soldaten, nicht nur auf deutscher Seite. Von den vielen körperlich, wie auch traumatisierten Krüppeln ganz zu schweigen, welche in ihr Heimatland zurückkehren. Und Krieg ist Krieg, für einen jeden Soldaten, welcher in so ein Grauen (von Tod und unbarmherziger Zerstörung) geschickt wird. Unabhängig davon, wer für diesen oder jenen militärischen Konflikt verantwortlich ist. Aber davon abgesehen, wird die Sicherheit Deutschlands, gewiss nicht am Hindukusch verteidigt.

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