Bob Dylan in Tübingen Spelunkenswing am Lagerfeuer

Von Michael Werner 

Der US-Songwriter Bob Dylan hat bei seinem Konzert in Tübingen dem Regen getrotzt. Außerdem hat er wieder mal vieles anders gemacht, als man erwartet hatte.

Bei seinen Einzelkonzerten lässt sich Bob Dylan nicht fotografieren. Das Bild zeigt ihn  2012 bei einem Auftritt in Spanien. Foto: dpa
Bei seinen Einzelkonzerten lässt sich Bob Dylan nicht fotografieren. Das Bild zeigt ihn 2012 bei einem Auftritt in Spanien. Foto: dpa

Tübingen - Auf der Wucht des Songs „Blind Willie McTell“ würden andere Songwriter ganze Karrieren aufbauen. Aber das Lied hat Bob Dylan geschrieben, er nahm es, zusammen mit den anderen Songs des Albums „Infidels“, im Frühjahr 1983 auch auf, aber als er die Platte ein halbes Jahr später veröffentlichte, hat Dylan das nach dem blinden Bluessänger betitelte apokalyptische Juwel einfach weggelassen.

Manchmal sang er das Lied bei Konzerten, zuletzt vor mehr als einem Jahr in Japan, dann 120 Auftritte lang nicht mehr, jetzt plötzlich wieder – klar, beschwörend, bedeutungsgeladen – in Tübingen: „Nobody can sing the blues like Blind Willie McTell!“ Außer Bob Dylan selbst.

Die meisten Zuschauer – durchnässt vom Regen, frierend – kriegen die kleine Sensation im Dylan-Kosmos zunächst gar nicht mit. Denn gerade erst sind die letzten Töne von „Shelter from the Storm“ verklungen. In dieser ewig nicht mehr gespielten Songperle hat Dylan die Leute aus widrigen Wetterumständen auf der Wiese hinter der Tübinger Kreissparkasse an sein warm knisterndes Bühnenlagerfeuer geladen: In „Shelter from the Storm“ perfektioniert er seinen neuen, stark reduzierten Lieblingssound, den er im Februar mit seinem Frank-Sinatra-Coveralbum „Shadows in the Night“ eingeläutet hat: Die Band leidet leise, verdichtet auf das Wimmern von Donnie Herrons Pedal-Steel-Gitarre und das hallgeschwängerte Winseln von Charlie Sextons E-Gitarre. George Recile, der Schlagzeuger, groovt dabei mit bandagierten Drumsticks. Bob Dylans Stimme aber tritt in einer umwerfend klaren Schönheit in den Vordergrund, die all die stimmlichen Geröllhalden und all die wüsten Silbensprengungen in seinen flotteren Songs als grandiose Show entlarvt: „Shelter from the Storm“ lädt er mit fast sakraler Feierlichkeit auf. Der Unterschlupf vor dem Sturm ist ihm wichtig.

Ein Abend voller Weltpremieren

Man hat nicht mit diesem Unterstand rechnen dürfen. Denn nachdem Bob Dylan jahrzehntelang allabendliche Auswechselorgien an seiner Setlist vollzogen hatte, groovte er sich in den letzten beiden Jahren auf eine nahezu unveränderte Liedabfolge bei seinen Konzerten ein. Dann stieg er vor wenigen Tagen in den USA ins Flugzeug, gab am Samstag in Mainz sein erstes Europakonzert in diesem Jahr und änderte die zweite Konzerthälfte komplett. Hernach fuhr er weiter nach Tübingen und änderte am Sonntag noch mehr: Zwei Weltpremieren gab es im strömenden Regen zu feiern – erstens „Where are you?“ vom Sinatra-Coveralbum zum ersten Mal live, als hingebungsvoll gecroonte Verneigung vor der Sehnsucht. Zweitens den Umstand, dass das Publikum am Beginn eines Dylan-Songs lacht: „Tangled up in Blue“ gibt er da, das Lied, dessen Text mit Sonnenschein beginnt. Dylan schert sich nicht um das Wetter. Stattdessen verleiht er dem Song mit einer neuen Phrasierungsvariante Flügel: „Soooon to be divorced“, singt der 74-Jährige in der Form seines Lebens nun. Die Zukunft, die Dylan vor 14 Jahren allenfalls noch Unkenrufe wert war („The future for me is already a thing of the past“, sang er da), ist für ihn jetzt einfach der willkommene verlängerte Arm der Gegenwart.

Und so färbt er auch sein Konzert: mit meistens gelassener, mitunter vergnügter Innerlichkeit. Bereits beim ersten Song „Things have changed“ lässt er sein linkes Bein tänzeln, bereits beim zweiten, „She belongs to me“, schlägt er eine Schneise in seine Musik, verordnet der Band um den Ausnahmebassisten Tony Garnier ein spektakuläres Break, um alleine mit seiner schneidenden Mundharmonika einen Weg aus dem Labyrinth des Daseins zu offerieren. Der „Workingman’s Blues #2“ und „Pay in Blood“ sind ihm wichtig, da singt er schamanenhaft beschwörend in der ihm eigenen Art des Gespenster-Rap. Dafür erlaubt er sich im rotzig dahingefauchten Song „Early Roman Kings“ den Gag, den eh kaum vernehmbaren Rhythmusgitarristen Stu Kimball von seinem Instrument zu befreien und ihn stattdessen einen ganzen Strauß von Shakern schütteln zu lassen.

Der musikalische Spaß, der Scherz sogar, hat über die Jahre in Dylans Werk in dem Maße an Bedeutung gewonnen, in dem seine Texte immer noch genialer geworden sind: In Tübingen kredenzt er „Spirit on the Water“ als wunderbar ins Groteske abdriftenden Spelunkenswing, und in „Ballad of a thin Man“ klopft er bisweilen so manisch überdreht in seinen Konzertflügel wie ein soeben entlassener Barpianist, dem an seinem letzten Abend alles egal ist.

Den Fluchtweg hat er sich freigeschlagen

Zwischen diesen beiden Verlustierungen: „Desolation Row“, einer von Dylans Großsongs aus den Sechzigern, ein apokalyptischer Bilderreigen, den Dylan in Tübingen hoch konzentriert zu reifem Funfolk vorträgt. Denjenigen der achttausend Zuschauer, die hinten stehen müssen und dort keine Chance haben, den kleinen Mann auf der in eine Kuhle gepferchten Bühne zu erspähen, entgeht jetzt viel. Der Blick auf die wissend wachen Augen eines großen Künstlers, der mit sich und seinem Werk vollkommen im Reinen ist.

Übertroffen wird diese eindringliche Darbietung nur noch von der schon wieder neu arrangierten Zugabe „All along the Watchtower“ nach knapp zwei Stunden: So schwebend, so drängend und zart zugleich hat Bob Dylan den Song selten zuvor hingekriegt. Den Fluchtweg, von dem da die Rede ist, hat er sich längst freigeschlagen.