Bodenseeregion Aus den Bächen verschwinden die Tiere

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Stichproben in kleinen Gewässern am Bodensee haben eine alarmierende Artenarmut ergeben – Ursache könnten Pflanzenschutzmittel sein, die aus dem Obstbau in die Bäche getragen werden. Die Verantwortlichen wollen reagieren und anders spritzen.

Zwischen 15- und   40-mal im Jahr müssen die Obstbauern im Land ihre Plantagen spritzen. Foto: Rüdiger Bäßler, Visum
Zwischen 15- und 40-mal im Jahr müssen die Obstbauern im Land ihre Plantagen spritzen. Foto: Rüdiger Bäßler, Visum

Konstanz - Damit hatte niemand gerechnet: Die Artenvielfalt in kleineren Gewässern am Bodensee scheint sehr gering zu sein. Irmtraud Schuster, die Umweltdezernentin des Landratsamtes Bodenseekreis, räumt ein, dass die Ergebnisse erster Prüfungen sie schon alarmiert hätten. Doch habe das Institut für Seenforschung nur Stichproben gezogen und lediglich – den allerdings wichtigen – Bereich der wirbellosen bodenlebenden Tiere untersucht. Das Ausmaß der Probleme sei also unklar, Details will das Landratsamt deshalb nicht nennen.

Dennoch hat die Behörde, gemeinsam mit den Landkreisen Ravensburg und Konstanz, unverzüglich reagiert. Seit Bekanntwerden der Ergebnisse im Herbst gab es 30 Veranstaltungen mit den Obstbauern der Region, um diese zur Umrüstung ihrer Spritzmaschinen zu bewegen. Mit neuen Düsen soll die „Abdrift“, also das Fortwehen der Schadstoffe in die Bäche, vermindert werden. Und man will, wie Klaus Ruff vom Amt für Wasser- und Bodenschutz erklärt, mit Luftbildern auf 400 Hektar kontrollieren, ob die Bauern den vorgeschriebenen Abstand zu Gewässern eingehalten haben. Das sind, je nach Umstand, fünf bis 20 Meter.

Die Obstbauern haben gerade andere Sorgen

Franz Josef Müller, der Präsident des Landesverbandes Erwerbsobstbau, hat die volle Unterstützung der Obstbauern zugesagt, obwohl diese im Moment durch die Frostschäden ganz andere Sorgen haben. Es sei aber im eigenen Interesse der Bauern, so wenig Pflanzenschutzmittel wie möglich – von Pestiziden spricht er nicht gern – auszubringen. Für Hermann Gabele, den Leiter des Landwirtschaftsamtes im Landratsamt, ist sowieso noch unsicher, ob die Bauern die Verursacher sind. Durch den Klimawandel trockneten gerade kleine Bäche öfter aus; auch dadurch könne die Zahl der Lebewesen im Wasser verringert werden.Dem widerspricht Matthias Liess, Gewässerexperte am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Für ihn sind eindeutig die Pestizide das Problem, und zwar gerade in den Bächen. Denn: „Nach Regen oder nach dem Spritzen kommt es dort sehr kurzfristig zu sehr hohen Konzentrationen. Alle empfindlichen Arten sind deshalb aus den Bächen verschwunden.“ Flüsse mit ihren größeren Wassermengen würden das eher wegstecken – aber selbst dort gebe es das Paradoxon, dass trotz gestiegener Wasserqualität die Artenvielfalt überschaubar geblieben sei. Frank Lorho, der Sprecher des Umweltministeriums, bestätigt, dass auch Bodenseezuflüsse den gewünschten guten Zustand „vielfach“ noch nicht erreicht hätten. Ein möglicher Grund könnten Spritzmittel sein.