Böblingen Die Zeit des Mordens ist vorbei

Die Böblinger Autorin Nessa Altura, hinter deren Pseudonym Andrea Vogelgsang, die Frau des früheren Oberbürgermeisters steckt, hat ein neues literarisches Projekt:Sie beliefert Abonnenten wöchentlich mit Briefen.

Solch fröhliche Post kann man bei Foto: factum/Granville
Solch fröhliche Post kann man beiFoto: factum/Granville

Böblingen - Nessa Altura hat das Morden satt. Mehr als ein Jahrzehnt lang hat die Böblingerin gemeuchelt und gemordet, was das Zeug hält. Mal ganz brutal mit der Axt, mal gut getarnt als Unfall mit Werkzeugen wie Dachlawinen oder einer Kokosnuss. Doch jetzt ist es genug: „Ich mag mir nicht mehr ständig grausige Dinge ausdenken, sondern wende mich jetzt lieber den schönen Dingen des Lebens zu.“

Deshalb schreibt die Autorin, hinter deren Pseudonym Nessa Altura sich Andrea Vogelgsang, die Frau des früheren Böblinger Oberbürgermeisters Alexander Vogelgsang verbirgt, nun statt blutiger Krimis schöngeistige Familienbriefe. Diese schickt sie auf Bestellung an Abonnenten. Die Idee: „Menschen die allein sind und wenig Kontakt haben, freuen sich, wenn sie nicht nur Rechnungen und Werbung im Briefkasten finden, sondern immer wieder auch mal einen schön gestalteten Brief.“

Briefe für Menschen der Vor-Internet-Generation

Einsame Menschen trifft Nessa Altura in ihrem anderen Leben als Andrea Vogelgsang immer wieder. Bei Besuchen in Altersheimen und Seniorenstiften. „Für mich und meine Altergenossen bietet das Internet, wenn wir mal nicht mehr so mobil sind, genügend Kontaktmöglichkeiten. Doch für die Frauen, die zehn Jahre älter sind als ich, ist das Internet ein paar Jahre zu spät gekommen“, meint die Frau Anfang 60, die ein reges virtuelles Leben mit eigenen Blogs und diversen Webseiten führt.

Die eigenen beiden Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. Für ihr Projekt Post für Sie hat sich die Autorin nun eine Zweitfamilie geschaffen: Sie selbst schlüpft in die Rolle der 70 Jahre alten Ella Fitzgerald. Diese hat drei Töchter, jeweils mit eigenem Anhang. Im Auftaktbrief, den alle Abonnenten erhalten, stellt sich die Autorin der Empfängerin als fiktive Freundin Ella vor. Jahrzehnte lang hatten sich die beiden Freundinnen aus den Augen verloren, doch nun knüpft Ella mit ihren Briefen und Karten neuen Kontakt. Und nicht nur sie. Auch die drei Töchter schreiben der alten Bekannten ihrer Mutter gelegentlich ein paar Zeilen. „Alltagsgeschichten“ benennt Altura den Stoff der Briefe – wenn auch auf literarischem Niveau. Denn nicht nur hinter Ella steckt eine preigekrönte Autorin, auch in die Rollen der Töchter Lizzy, Renate und Anja sind jeweils Schriftstellerinnen geschlüpft. „Es war gar nicht so einfach, für dieses Projekt Mitautoren zu finden“, erzählt die Initiatorin Altura.

Die Hamburgerin Paula Burgmayer (Name geändert) gehört zu den ersten Post-für-Sie-Abonnentinnen. „Das hat mir eine Freundin zum Geburtstag geschenkt“, erzählt die Frau, die ihr Alter mit „um die 70“ angibt. „Ich mag Familiengeschichten. Deshalb passen die Geschichten von Ella und ihren Töchtern für mich ganz wunderbar.“ Fast wie eine Ersatzfamilie seien die literarischen Fitzgeralds, sagt Paula Burgmayer, die keine eigene Familie hat.

Jede Autorin hat eine eigene Farbe

Angetan ist sie vor allem von der Aufmachung der handadressierten Post, die pünktlich jede Woche in ihrem Briefkasten landet. Jede Autorin hat ihre eigene Farbe: Ella verschickt ihre Post stets in Briefumschlägen aus gelbem Packpapier, die der Töchter sind in himmelblau, weiß und türkis gehalten. Sechs Monate lang geht ein Post-für-Sie-Abo, das eine Lieferung pro Woche beinhaltet. Mal trudelt ein mehrseitiger Brief von Ella ein, mal schickt Lizzy eine Ansichtskarte aus Paris, oder Renate schreibt aus ihrem Urlaubsort an der See. Auch Geburtstagsgrüße erhält die Abonnentin. 125 Euro kostet dieser Service für das halbe Jahr. Doch da die Abonnenten bisher nur zögerlich anbeißen, möchte Altura nun eine andere Variante probieren: Jeder zahlt so viel er möchte.

Sollte ihr Projekt erfolgreich werden, hat die Autorin schon jede Menge Fortsetzungsideen. „Man könnte mit einer monatlichen Telefonkonferenzschaltung mit den Abonnenten direkt in Kontakt treten.“ Auch am Konzept für einen weiteren Briefwechsel spinnt Nessa Altura bereits: „Das wäre dann eine historische Geschichte, die zur Zeit von Katharina der Großen spielt.“ Dafür sind dann auch zwei männliche Briefschreiber vorgesehen, verrät die Autorin. Die muss sie aber erst noch finden.

Weitere Infos unter www.postfürsie.de