""Sie haben sich so hinein gesteigert, dass Ihnen alles egal war.""
Richter Wolfgang Vögele zum Hauptangeklagten
Stuttgart/Böblingen - Seit Anfang Oktober sitzt ein 16-Jähriger wegen eines brutalen Überfalls auf ein Paar in der Böblinger Bahnhofsunterführung Ende September in Untersuchungshaft. Und im Gefängnis wird der Böblinger auch bleiben. Die Vierte Großen Jugendkammer des Stuttgarter Landgerichts unter dem Vorsitzenden Richter Wolfgang Vögle hat den Jugendlichen am Donnerstag zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Sein ebenfalls 16 Jahre alter Kompagnon ist nach Einschätzung des Gerichts nur ein Mittäter gewesen und kam mit 15 Monaten Haft auf Bewährung davon. Vier Tage lang hatten die Richter 18 Zeugen gehört, medizinische Gutachter und den Jugendgerichtshelfer befragt.
Am Ende gelangten sie zu der Auffassung, der Haupttäter habe sich des versuchten Totschlags und der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht. Der 16-Jährige hatte auf sein Opfer, einen 40 Jahre alten Mann, noch eingetreten, als dieser längst am Boden lag. Dabei habe er auch gezielt gegen den Kopf gekickt. Der Mann ist dabei lebensgefährlich verletzt worden. Der Jugendliche hat den Angriff gestanden, aber bestritten, gegen den Kopf getreten zu haben. Ein medizinischer Gutachter sagte aus, dass der Mann nur durch großes Glück überlebt und keine bleibenden Schäden davongetragen habe.
"Sie hatten nicht die Absicht, den Mann zu töten", sagte der Richter in seiner Urteilsbegründung. "Aber Sie haben sich so in ihre Wut hineingesteigert, dass Ihnen am Ende alles egal war." Alkohol habe bei dem Vorfall keine Rolle gespielt. Keiner der beiden Täter war betrunken.
Vorausgegangen war dem brutalen Angriff ein verbaler Schlagaustausch zwischen der 36 Jahre alten Freundin des 40-jährigen Opfers und dem Haupttäter in der S-Bahn bei der Fahrt vom Volksfest in Bad Cannstatt nach Böblingen. Eigentlich hätten sich nach der Auseinandersetzung alle längst wieder beruhigt gehabt. "Nur in dem Hauptangeklagten brodelte es weiter", sagte Vögele. Dieser habe die Leute, die ihm widersprochen hatten, demütigen wollen. Deshalb habe er den 40-Jährigen auf der Treppe zur Unterführung des Böblinger Bahnhofs von hinten bespuckt.
Beide Täter haben keine "typische Kriminellenlaufbahn"
Als sich der Mann umdrehte, hieb der Junge mit einem gezielten Faustschlag in das Gesicht des Mannes, der daraufhin zu Boden ging. Dann trat er auf den am Boden Liegenden ein. Als dessen Freundin ihm zu Hilfe eilen wollte, schlug der Junge auch ihr ins Gesicht. Daraufhin rappelte sich der Schwerverletzte auf, um seiner Freundin zu helfen. Da griff der Freund des Täters ein und trat den Mann zweimal.
Weder der Haupttäter noch sein Komplize seien "typische Kandidaten, wie wir sie sonst kennen", sagte Vögele. Beide seien intelligente junge Männer. Der Mittäter hat die mittlere Reife und absolviert zurzeit eine Ausbildung. Der Haupttäter sei bis vor einiger Zeit ein guter Gymnasiast gewesen. Doch mit schulischen Problemen in der Pubertät habe auch seine Aggression zugenommen. Zehn Tage vor dem Überfall am Böblinger Bahnhof war der Jugendliche vom Amtsgericht wegen einer Prügelei zu 100 Arbeitsstunden verurteilt worden. "Sie sind aus dem Gerichtssaal raus und haben sofort alles vergessen", sagte Vögele.
Auch während des Prozesses, bei dem die Öffentlichkeit wegen des jugendlichen Alters der Angeklagten ausgeschlossen gewesen war, hatte sich der Haupttäter laut dem Richter wenig einsichtig gezeigt. Vögele wandte sich am Donnerstag auch an die Eltern des 16-Jährigen, die die gesamte Verhandlung verfolgt hatten. "Mit dieser Verurteilung ist nicht alles aus. Im Gegenteil: eine Jugendstrafe kann eine positive Zeit sein. Ihr Sohn kann in der Jugendhaft die mittlere Reife machen und therapeutische Hilfe erhalten, um seine Aggressionen in den Griff zu bekommen", sagte Vögele.